Austausch zum Thema Corona-Pandemie

Liebe St. Georgerinnen und St. Georger,
es ist erst wenige Tage her, da bummelten wir noch sorglos über die Lange Reihe oder den Steindamm, kehrten abends in einer Kneipe auf dem Hansaplatz ein oder besuchten eine der Kultureinrichtungen. Das Coronavirus hat dem in einem schier unglaublichen Tempo weitgehend ein Ende gemacht, viele Einrichtungen sind bereits geschlossen. Und wir sind offensichtlich erst am Anfang einer sich wochen-, gar monatelang hinziehenden Pandemie. Schon wird uns empfohlen, die sozialen Kontakte auf ein Minimum zu beschränken, möglichst zuhause zu bleiben. Nicht mehr auszuschließen sind auch Ausgangssperren. Entwicklungen, die sich schnell zu persönlichen Dramen verdichten können: Pleiten, Entlassungen, Schuldenbergen, Vereinsamung…

Dem wollen wir uns entgegenstemmen. Zunächst einmal mit diesem Angebot, sich auf der Website des Einwohnervereins auszutauschen, Sorgen zu äußern, wichtige, vor allem stadtteilbezogene Informationen weiterzugeben, miteinander wenigstens in schriftlicher Form zu diskutieren. Möglicherweise kann sich das Angebot auch dahingehend ausweiten, Bedarfe, aber auch Hilfsangebote zu formulieren. Durchbrechen wir die immer mehr um sich greifende Angst und Vereinzelung, nutzen wir auch diese Möglichkeit, einander zu schreiben, die Entwicklungen zu bewerten und im Einzelfall – wie schon nebenan.de und die Solidarische Nachbarschaftshilfe St. Georg – gegenseitige Unterstützung zu organisieren. Tragen wir uns ein, kommentieren Beiträge, machen Vorschläge.

Michael Joho, für den Einwohnerverein St. Georg von 1987 e.V.

50 Gedanken zu „Austausch zum Thema Corona-Pandemie

  1. 8.4. (12)
    Liebes Tagebuch,
    hier in unserem Wohnprojekt bin ich die Zweitälteste, und das heißt in diesen Zeiten: Risikogruppe. Ein schreckliches Wort! Dabei kann ich mich über mangelnde Hilfsangebote der Nachbarinnen und Nachbarn nun wirklich nicht beschweren. Zuerst habe ich mich allerdings schwer getan, sie anzunehmen. Erstens, weil ich mich dadurch plötzlich in die Riege der Gebrechlichen einsortiert fühlte und zweitens überhaupt. Ich trete zwar immer vehement dafür ein, dass auch die Alten und Schwachen in unserer Gesellschaft ihren Platz haben müssen, dass es doch keine Schande ist, wenn sie nicht mehr so mithalten können, weil es ja der Mensch als solcher ist, der zählt und nicht seine Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Effizienz. Undsoweiter, undsofort, blahblah, Humanismus, Wertegemeinschaft, der ganze Kram eben. Du verstehst schon. Nur: selbst will ich auf keinen Fall hilfsbedürftig dastehen, schon gar nicht in den Augen anderer. Das wäre mir peinlich. Bin halt sozialisiert in der „Leistungsgesellschaft“, die Ideologie sitzt tief. Andererseits will ich mir aber auch keine Lungenentzündung einfangen, wo ich schon beim letzten Schnupfen das Gefühl hatte, ich überleb’s nicht. Also habe ich mir in Erinnerung gerufen, was wir in unserer St. Georger Altengruppe seit Jahren besprechen. Dass es nämlich ein Zeichen von Souveränität und Erwachsensein ist, wenn man um Hilfe bitten und sie – wichtig! – auch annehmen kann. Nicht groß rumdrucksen sondern klar und deutlich sagen, was man braucht. Das erleichtert das Leben ungemein, für alle Beteiligten. Da muss man noch nicht einmal das große Wort Solidarität bemühen. Ist einfach eine Frage der Mitmenschlichkeit, nein, der Menschlichkeit schlechthin. Hat es schon immer gegeben und wird es immer geben, egal, was die Ideologie einem weißmachen will. Mit solchen Fragen beschäftigen wir uns in unserer Gruppe. Jetzt bietet Corona, so habe ich mir gut zugeredet, die ideale Gelegenheit, das Gelernte in der Praxis zu üben. Das tue ich nun also, das Üben, mehr oder weniger unfreiwillig seit zwei, drei Wochen und würde zu gerne wissen, wie es anderen damit geht. Mal ganz ehrlich: Wie fühlt sich das an, wenn die volle Einkaufstüte vor der Tür steht? Super, ich brauche mich um nix zu kümmern, vielen Dank und alles paletti? Oder macht die Abhängigkeit eher schlechte Laune? Ist überhaupt genügend Hilfe im Angebot, auch jetzt noch, da sich die Krise hinzieht? Oder wird’s damit langsam mau? Welche Erfahrungen gibt es, positive und negative, mit sich selbst und mit anderen? Funktioniert diese Hilfe-Sache auch in die Gegenrichtung? Unsere Älteste hier im Projekt spielt zum Beispiel mit einer noch Älteren, um die sie sich kümmert, Zitate-Raten am Telefon. Mit mir hat sie es schon mal ausprobiert, und es hat bestens funktioniert. Wir hatten beide unseren Spaß. Andererseits: Wieviel Kraft kostet es, sich täglich neu zu motivieren?

  2. Während der Corona-Zeit verschicke ich jeden Tag eine Zusammenstellung vor allem aus hamburgbezogenen Dokumenten an die Mitglieder des Einwohnervereins und etwaige FreundInnen drum herum. Wer den Newsletter für die nächsten Tage oder Wochen (?) beziehen möchte, mag sich melden. Das ist aber bisher immer eine ganz schöne Packung gewesen…
    info@ev-stgeorg.de
    Im Übrigen wird der nächste „Lachende Drache“ natürlich den Schwerpunkt „St. Georg in den Zeiten von Corona“ haben. Die Redaktion ist sehr interessiert an Erlebtem, Kritisiertem, Vorwärtsweisendem…

  3. 5.4. (11)
    Liebes Tagebuch,
    vorgestern riefen mich Leute aus der Nachbarschaft an und fragten, wie es mir gehe. Offenbar sei es ja nicht gut um mich bestellt, weil ich mir Sorgen mache um meine Gesundheit und um unser Krankenhaus hier unten an der Ecke, sogar um Massenkarambolagen und Atom-Unfälle. Das hätten sie meinem letzten Tagebucheintrag entnommen. Es sei ja schrecklich, wie Corona mir aufs Gemüt schlage, und ich solle doch nicht so schwarzmalen. Ich habe versucht, sie zu beruhigen.
    Mit dem Tagebuchschreiben hat es nämlich so seine ganz eigene Bewandtnis. Auf dem Weg vom Kopf in den Computer nehmen die Gedanken oft ihre eigene Form an. Eben waren es noch ganz schlichte Wörter, aber kaum setzen sich die Finger auf der Tastatur in Bewegung, machen sie sich selbständig. Keine Ahnung, wie das funktioniert. Manche übertreiben heftig und schmücken sich ohne um Erlaubnis zu fragen mit Adjektiven, die mir im echten Leben nie und nimmer einfallen würden. Manche verkleiden sich mit Spott und Ironie, und manche tun so, als seien sie überhaupt nicht mit mir verwandt. Ich passe höllisch auf, dass sie keine Lügen erzählen, schließlich ist das hier ein Tage- und kein Märchenbuch. Das heißt aber auch, dass es sich nicht um objektive Berichte, Agenturmeldungen oder amtliche Mitteilungen handelt.
    Es gibt allerdings Themen, da vergeht den Wörtern die Spielfreude, da werden sie ganz ernst und klein und hilflos und wissen nicht, wie sie ehrlicher Betroffenheit angemessenen Ausdruck verleihen sollen. Ja, das kommt auch vor. Die Beschäftigung mit meiner eigenen Person gehört allerdings nicht zu diesen Themen. Da dürfen sie ruhig ihre Späße treiben und mir auf der Nase rumtanzen, wenn ihnen danach ist. Das erlaube ich ihnen übrigens auch bei denjenigen, die auf unterschiedlichen Feldern die Macht haben, Entscheidungen über mich und uns andere „hier unten“ zu treffen. Auch und gerade in Krisenzeiten. Deshalb, liebes Tagebuch, soll es dabei bleiben: Solange sie sich halbwegs anständig verhalten, lasse ich den Wörtern ihre Freiheit und freue mich, wenn sie mich hin und wieder überraschen.

    3.4. (10)
    Liebes Tagebuch,
    bei meinen Spaziergängen rund um St. Georg tue ich mich immer noch schwer, keine Abneigung gegen die Leute zu empfinden, die mir zu zweit oder zu dritt entgegen kommen und bräsig ihren Weg ohne Ausweichmanöver fortsetzen. Und von wegen freundliches Lächeln, wenn ich meinerseits einen Bogen um sie mache… Schwamm drüber. Aber der Mensch muss sich zu helfen wissen. Deshalb habe ich mir gestern einen Weg ausgesucht, bei dem die Gefahr, Fußgängern zu begegnen, denkbar gering ist. Achtung, Geheimtipp: die Sechslingspforte. Herrlich! Links rauscht der Verkehr vorbei, aber wen kümmern in diesen Zeiten schon Autos. Ah! Der ganze Bürgersteig für mich allein; vor, hinter und neben mir keine Menschenseele, keine unerwünschten Kontakte, einige hundert Meter nichts als beruhigende Leere. Wun-der-bar! Allerdings auch keine Ablenkung durch blühende Bäume oder schöne Altbauten oder lustige Gartenzwerge in Vorgärten. Deshalb gibt‘s wenig Möglichkeiten, sorgenvollen Gedanken zu entkommen.
    Ja, und dann erwischten sie mich, die Sorgen, genau in dem Augenblick als ich an der Zufahrt zu Asklepios vorbei kam. Ich begann zu grübeln: Wird das Krankenhaus einigermaßen heil durch die Krise kommen? Wird es überhaupt überleben? Konnte ja keiner ahnen, dass auch wir es mal mit einer Epidemie zu tun bekommen würden und nicht nur die Menschen dahinten in Afrika oder Asien. So wie keiner ahnen kann, dass möglicherweise Massenunfälle, Havarien von Industrieanlagen mit hunderten Verletzten oder GAUs in Atomkraftwerken passieren können. Logisch, dass das Geschäftsmodell von Privatkliniken wie Asklepios sowas denn auch nicht in Betracht zieht. (Bei den staatlichen Kliniken sieht’s im Grunde nicht anders aus, denn auch sie unterliegen seit Einführung der Fallpauschalen betriebswirtschaftlichen Gesetzen.) Leere Betten und ungenutzte Apparate auf Vorrat? Da sträuben sich doch jedem Verwaltungsdirektor die Haare! Von den Pflegekräften gar nicht zu reden… Armes Asklepios, dachte ich, wie kommst Du jetzt klar? Plötzlich sollst Du teure Geräte für Corona-Kranke anschaffen und gleichzeitig alle aufschiebbaren OPs zurückstellen um Kapazitäten vorzuhalten. Ein doppelt schwerer Schlag. Dabei sind es doch gerade die Hüften und Knie und Bandscheiben, die richtig Geld bringen! Wie soll das nur enden?
    Beklommen trat ich den Rückweg an. Gibt es Rettung in dieser düsteren Situation? Zu Hause angekommen, begann ich im Internet zu suchen. Die Börsennachrichten (!) brachten dann Entwarnung. Gott sei Dank, unser Gesundheitsminister hat versprochen, die „Einnahmeausfälle zu kompensieren“. Ich nehme mal an, nicht aus eigener Tasche. Egal, der Bundesverband der privaten Krankenhäuser bedankt sich jedenfalls ausdrücklich, auch dafür, dass die Regierung unbürokratische Hilfe bei neuen Anschaffungen garantiert. Nochmal Glück gehabt!
    Jetzt frage ich mich: Wenn die privaten Krankenhäuser der ureigenen Aufgabe von Krankenhäusern, nämlich der Daseinsvorsorge im Gesundheitsbereich aus eigener Kraft nicht nachkommen können oder wollen – warum übernehmen die Kommunen sie dann nicht wieder selber?

  4. Hallo ihr Lieben …
    es wird wahrscheinlich eh schon teilweise gemacht … aber wir kamen erst heute drauf.
    Die Flaschen-vor-die-Tür-Idee … Leergut, möglichst im Karton wegen Umfallschutz 🙂
    Leider sind nicht nur die Straßen leer … die Müllbehälter ja auch. Wir trafen gestern auf eine Flaschensammlerin, die nirgends etwas fand und wir ihr dann Geld gaben.
    Die Flaschen vor unserer Tür sind ständig sofort weg.
    Herzliche Grüße hier aus der der D44 … Lars & Jana 🙂

  5. Liebe Jana,
    auch ich lese seit Tagen die Reportagen und Meldungen über die katastrophale Lage der Obdachlosen. Im Gegensatz zu Dir hat mich das in einen Zustand der Starre versetzt, ich wusste überhaupt nicht, was zu tun sei und habe folglich auch nichts getan. Und dann kamst Du. Hast Dich umgehört, `rumtelefoniert, vernetzt, Informationen, die Ina schon gesammelt hatte, aufgenommen, gemailt und geposted und – wie es so Deine Art ist – gleich ein Plakat dazu gemacht. Jana, Du bist `ne Wucht!

  6. Hallo in die Runde.

    Auch ich, wie viele andere, mache mir in diesen Zeiten Gedanken um die Menschen auf der Straße, die ja dort nun gar keine Hilfe mehr erwarten können.
    Ina schickte die Info herum, das der Hamburger Verein strassenBLUES e.V. eine Online-Sammlung auf einer Spendenplattform installiert hat:
    Gelder und eine warme Suppe verteilen Sie dann direkt vor Ort.
    Ich telefonierte mit ihnen und finde … super Aktion. Deshalb machte ich große Plakate für drei Stellen in St.Georg und A6-Flyer. In den nächsten Tagen kommen die Drucksachen und die Flyer stecken dann an meinem Gitter … gerne auch einfach ein paar mitnehmen und weiter geben.
    Wer kann und mag … gebt doch bitte eure Spende dort online:
    http://www.strassenspende.de

    Auch mit Hinz&Kunzt sprach ich … sie haben jetzt einen „Corona-Verkäuferfonds“ eingerichtet und die aktuellen Ausgaben erscheinen online.
    Wer dort lieber helfen mag und kann, schaut mal auf ihrer Website vorbei: http://www.hinzundkunzt.de

    Wem die Sexarbeiterinnen St.Georgs aber mehr am Herzen liegen … ganz sicher sind auch hier Spenden jetzt noch mehr notwendig und willkommen als je zuvor:
    http://www.sperrgebiet-hamburg.de

    Und sonst … lasst euch nicht unterkriegen und passt auf euch auf.
    Liebe Grüße aus der Danziger und bis bald … Jana 🙂

  7. 1.4. (9)
    Liebes Tagebuch,
    Es gibt da draußen gerade eine große Sehnsucht nach Versöhnung, habe ich kürzlich gelesen. Und tatsächlich, nachts träume ich jetzt manchmal von vergangenen Lieben und wache dann mit einem friedvoll-versöhnten Gefühl auf. Das ist schön und kann von mir aus gerne so weiter gehen. (Es sei denn, S…, du Lump, wagst es, dich in meine Träume zu schleichen!!)
    Krisen und Katastrophen haben viele Aspekte, manchmal setzen sie erotische Energien frei. Im Internetmagazin 54books.de schreibt ein Johannes aus Bonn:
    „Es ist folgerichtig, dass auch diese Krise nicht auskommt ohne rätselhafte Erotisierungen.“ Und sinngemäß schreibt er weiter: ‚Fast scheint es eine menschliche Grundkonstante zu sein, dass man mit bedrohlichen Situationen seinen sexy Schabernack treibt‘. Darunter die Phantasie eines gewissen DaxWerner:
    „Wenn man in den Himmel kommt, sieht man einen Mann mit Wuschelhaaren vor einer Leinwand stehen, er malt einen idyllischen kleinen See mit Jägerhäuschen vor
    Alpenpanorama.
    Der Mann dreht sich zu Dir um: Es ist Prof. Dr. Drosten.“

    (Falls es an IRGENDJEMANDEM in Norddeutschland vorbei gegangen sein sollte: Das ist der tägliche NDR-Virologe aus Funk und Fernsehen).

  8. 31.3.
    Liebes Tagebuch,
    vorhin habe ich im Fernsehen einen kleinen puscheligen Hund gesehen, der mit seinem Frauchen beim Tierarzt war, weil er vielleicht eingeschläfert werden sollte. Ich habe Rotz und Wasser geheult! Danach las ich im Abendblatt einen Artikel über ein uraltes Paar aus dem deutsch-dänischen Grenzgebiet, das sich jeden Tag trifft. Er auf der einen Seite des Schlagbaums und sie auf der anderen. Näher können sie sich wegen Corona nicht kommen. Oh mein Gott, ich halt’s nicht aus! So viel Liebe! Sie bringen sich Klappstühlchen mit und prosten sich mit Kaffee und Grog zu. Das fuhr mir directement ins Herz. Mir schießen immer noch die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke! Kein Zweifel, ich werde immer dünnhäutiger, je länger die Krise dauert. Vielleicht sollte man eher sagen: durchlässiger. Was sonst bei den Aktivitäten des Tages gar nicht richtig an mich heran kommt, geht jetzt ungefiltert durch mich hindurch. Mein Ärger über blöde Kleinigkeiten fühlt sich riesengroß an, glücklicherweise nimmt mein Gehirn aber auch jeden Anlass zur Freude dankbar entgegen. Mit Statistik, Prognosen und den neuesten Verordnungen will es nur in streng rationierten Portionen gefüttert werden, und an seelischer Erschütterung erträgt es auch nur ein abgewogenes Quantum. Wenn es zu viel wird macht es dicht und verlangt nach leichter Kost. So begab es sich, dass ich mich tatsächlich eines Sonntags Mittag um 12 Uhr vor der Glotze beim Betrachten eines Märchenfilms wiederfand. Es gab Schneeweißchen und Rosenrot, ordentlich bunt, mit schönen Menschen in schöner Umgebung. Und wer spielte den König? Ich musste zweimal hinschauen, dann hatte ich’s. Der Dienstags-Abend-21 Uhr-ARD-Dr. Heilmann aus der Sachsenklinik! Die Gucker von deutschen Krankenhaus-Serien werden wissen, von wem ich rede. Oder wahrscheinlich eher die Guckerinnen – ich glaube, das ist mehr so ein Frauen-Ding. Ich war begeistert und zwar anhaltend. Den ganzen restlichen Sonntag lang. Normal ist das nicht. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten!

  9. Habe mich heute mit Mehmet Simsit zum Gespräch getroffen. Im Vor-Ort-Büro, das zwar für die Öffentlichkeit geschlossen, aber durchaus als Treffpunkt für kleine Meetings geeignet und verfügbar ist. (Wer einen Termin braucht: 0170 2166161) Ich habe Mehmet gefragt, wie sehr ihn als Gastwirt die Schließung seiner beiden Kneipen trifft. „Das trifft mich sehr hart!“ sagt er und „länger als bis Ende April kann ich das kaum durchhalten.“ Er hat bereits am 15.3. Kurzarbeit für seine Mitarbeiter eingeführt und entsprechende Mittel bentragt. Es gibt eventuell weitere Möglichkeiten staatlicher, finanzieller Unterstützung. Das ist aber nicht das einzige Problem. „Als wir schließen mussten am 15. bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Plötzlich nicht mehr arbeiten gehen, kaum Kontakte, Langeweile – macht alles kein Spaß!“ Zum Glück hat er seit ein paar Wochen zusammen mit Ehefrau Liliana das Glück, die zwei Adoptivkinder aus Rumanien endlich bei sich zu haben, zwei Mädels, 7 und 10, die sich freuen, hier zu sein, trotz Corona, und werden, wenn die Pandemie vorbei ist, in die H.-Wolgast-Schule gehen… Mehr davon im nächsten Lachenden Drachen.

  10. 30.3.
    Liebes Tagebuch,
    in gebildeten Kreisen wurde schon vor Wochen als „Buch zur Krise“ Albert Camus‘ „Die Pest“ empfohlen. Vor ein paar Tagen habe ich in meinem Regal ein altes Exemplar aus der Schulzeit gefunden. (Mal eben nebenbei: Wieso heißt es eigentlich immer „in meinem Bücherschrank“? Ich kenne niemandem mit einem Bücherschrank, nur Leute mit Regalen…) Egal, jedenfalls habe ich mir den Camus nach all den Jahrzehnten wieder vorgenommen und bin – begeistert! Ich sehe überhaupt nicht ein, warum er als Roman für die Intellektuellen gehandelt wird. Die Geschichte ist in Form eines Berichts angelegt und wird ganz einfach erzählt. Genau darin liegt die Kunst. Ein Vergnügen! Als Kunstwerk wohlgemerkt. Das Thema ist natürlich nicht vergnüglich, und es weist ganz erstaunliche Parallelen zu unserer jetzigen Situation auf. Eine geheimnisvolle Lungenkrankheit bricht aus, und dann folgen alle Stadien des Verleugnens, langsamen Begreifens, der Panik, die Maßnahmen der Behörden… Alles, was wir zurzeit auch erleben.
    Aus der Schulzeit hängt mir immer noch die blöde Frage nach „Was will uns der Dichter damit sagen?“ Ich konnte es nicht lassen, habe gleich zu Anfang im Internet geblättert und erfahren, dass hinter der offensichtlichen Geschichte eine Art Gleichnis steckt, inspiriert von Camus‘ Erfahrungen aus Krieg und Widerstand. Ok, wird schon stimmen und ist als Hinweis zum Weiterdenken ein nettes Sahnehäubchen obendrauf. Aber es würde auch ohne gehen, denn das Buch liest sich einfach toll, finde ich. Da gibt es die eine oder andere drastische Beschreibung der Krankheit, aber Camus suhlt sich nicht in Katastrophen-Phantasien. Die Figuren sind einfach menschlich, und man kann sie auch gut auseinander halten. Ja, ja, schon klar, das ist kein Maßstab für gute Literatur, in der Schule hätte es für diese Argumentation eine 5 gesetzt. Aber ich tue mich ehrlich gesagt manchmal schwer, wenn das Personal in einem Roman zu zahlreich ist. In dem Fall pflege ich mir ein stichwortartiges Personenverzeichnis anzulegen. Das macht nicht viel Mühe und hilft ungemein. Das nur am Rande. Bei der „Pest“ ist es nicht nötig. Jürgen Wohlers hat übrigens noch ein paar Exemplare.

  11. Mir geht es weiterhin gut und ich versuche den Alltag so zu strukturieren, dass es bisher nicht langweilig geworden ist. Heute z.B. habe ich mich mit einer Freundin telefonisch zum Kaffee trinken verabredet. Jeder an seinem Telefon, aber Kaffee schlürfend und fragend, welchen Kuchen hast du denn da. Das war eine sehr nette Idee. Und genau diese Freundin schlägt auch vor, gemeinsam im Internet ein Konzert vom Ensemble Resonanz anzuhören und danach sich telefonisch auszutauschen, weil wir ja das gleiche Konzert gehört haben. Man muss erfinderisch sein, denn wir werden ja noch eine Weile mit so einem reduzierten Kontaktbereich auskommen müssen.

  12. 29.3.
    Liebes Tagebuch,
    heute Morgen auf der Waage machte ich eine erschütternde Entdeckung: Die Krise macht dick. Wie kann das nur angehen? Alle Krisen, von denen ich bisher gehört habe, sind mit einem Mangel einhergegangen. Was ist das jetzt?? Ich habe sogleich einen besorgten Rundruf gestartet und siehe da, dieses Problem ist weiblicherseits allgegenwärtig. Jede Frau, mit der ich rede, beklagt sich darüber, dass sie zunimmt. Die Männer sehen das offenbar anders. Sie freuen sich über lecker Essen und machen sich figürlich nicht die geringsten Sorgen. Unerhört! Selten klaffte der gender gap, die Kluft zwischen den Geschlechtern, so tief! Unterdessen feuern die Medien aus allen Rohren Fitness-Tipps in die heimischen Wände. Bei so viel Engagement für die Volksgesundheit in Corona-Zeiten empfinde ich meine Willensschwäche doppelt beschämend. Das mit dem Selbst-Optimieren hat schon vorher nicht geklappt – und jetzt erst Recht nicht. Ich hab’s probiert, ehrlich, aber statt zu turnen hocke ich schon wieder vorm Computer und studiere Kochrezepte.
    Nun ja, mit der obdachlosen Frau auf der Langen Reihe habe ich mich diesbezüglich noch nicht ausgetauscht. Wie man hört, hat sie andere Probleme und ihr obdachloser Mann ebenfalls. Genauso die Drogenkranken vor dem Drob Inn hinterm Hauptbahnhof. Um den gap, die Kluft zwischen uns scheint es definitiv anders bestellt zu sein. Ich spare zwar noch für meinen zweiten Privat-Jet, damit ich mich eines Tages wie der Politiker Friedrich Merz zur gehobenen Mittelschicht zählen kann, aber auch so trennen uns schon Welten. Bis jetzt jedenfalls. Und wo wir schon dabei sind: Was ist mit den BetreiberInnen der kleinen Läden und Kneipen im Viertel? So viel kann ich als Einzelne gar nicht saufen, essen und lesen, als dass es ihnen über die Runden helfen würde. Ich frage mich: Wer mag wohl zum Schluss als Gewinner aus der ganzen Sache ´rauskommen?

  13. Ein seltsames Bild zeigt sich rund ums Drob Inn. Wie vor Wochen hält sich dort immer (noch) eine große Traube von 40 bis 80 Menschen auf, scheinbar „vergessen“ und sich selbst überlassen, ohne den hundertfach empfohlenen Abstand einzuhalten. Im Interesse der Gesundheit vor allem dieser Menschen, aber auch der KollegInnen des Drob Inn und aller anderen, müsste es Angebote, Hilfen, wenigstens irgendwelche Versuche geben, diese Situation zu verändern. Warum passiert seitens der Verantwortlichen offensichtlich nichts? Vielen (obdachlosen) DrogenkonsumentInnen würde es sicher helfen, für die nächste Zeit Hotelzimmer belegen zu können – jede/r eins für sich. Denn nichts ist so sicher, so wird uns tagtäglich eingehämmert, wie die eigene Wohnung – dann schafft bitte auch für jede/n eine solche Möglichkeit!

  14. 27.3.
    Liebes Tagebuch,
    in den vergangenen Tagen gab es einen regen mail-Austausch über die Frage, ob der Supermarkt unten an der Ecke richtig handelt, wenn er es nicht zulässt, dass Mütter mit kleinen Kindern den Markt betreten. Die Diskussion hat mich belastet, teilweise war der Ton so schrill! Macht sich da jetzt bei den Nachbarinnen und Nachbarn aus St. Georg der ganze Frust und die Hilflosigkeit dieser Wochen Luft? Alle auf einen, der VIELLEICHT eine falsche oder zumindest diskussionswürdige Entscheidung getroffen haben mag. Das gefällt mir nicht. Viel bedrohlicher als die Entscheidung eines einzelnen Marktleiters finde ich die Lawine, die derzeit gesamtgesellschaftlich in den Medien losgetreten wird.
    Jetzt denken sie schon laut darüber nach, die „Alten“ wegzusperren. Meine Nachbarin hat mir gestern die Frankfurter Allgemeine vor die Tür gelegt mit einem Zitat von Christoph Lütge: Man müsste „gezielt diese Gruppe isolieren. Wir können nicht unser gesamtes Wirtschaftsleben an den Bedürfnissen von 75-Jährigen ausrichten.“ Die Jungen seien ja nicht so gefährdet durch das Virus, deshalb sollten sie schnell wieder zu Arbeit gehen und die Wirtschaft in Schwung bringen, schreibt er. Abgesehen davon, dass die Wirtschaft schon vor Corona in der Krise steckte, die Jungen also sowieso um Arbeitsplätze und vernünftigen Verdienst bangen müssen, erschreckt mich die Sprache. Was für eine Herablassung, was für eine Missachtung und Ausgrenzung liegt in diesem Zitat! Dabei ist der Mann laut Wikipedia Ökonom und Philosoph mit Arbeitsschwerpunkt Wirtschafts- und Unternehmensethik. Was ist denn das für eine Ethik? Ich hatte sofort einen Film vor Augen: hohlwangige alte Leute, die gedrängt werden, sich möglichst unauffällig zu verabschieden, vielleicht mit einer gnädigen Spritze – und dann bitte die noch brauchbaren Organe spenden, aus Solidarität. Solidarität! So ein schönes Wort und so missbraucht. „Seid solidarisch, schützt die Alten“, beten sie seit Wochen auf sämtlichen Kanälen. Wie wär’s damit, endlich was gegen die Altersarmut zu tun? In keiner Bevölkerungsgruppen ist der Zuwachs an Armut so groß wie bei RentnerInnen und PensionärInnen. Wo bleibt da die Solidarität? Und wenn ich an all die ungesicherten Arbeitsverhältnisse denke, in denen die jungen Leute von heute leben, graust es mich. Wovon werden die später mal satt werden? Wo waren die Politiker solidarisch, als sie diese ganzen Niedriglohn-Jobs ermöglicht haben? Als „Alte“ erinnere ich mich daran, wie damals dieses Modell der „Ich-AG“ gefeiert wurde. Dabei ging es darum, dass ein Arbeitsloser einen Zuschuss vom Staat erhielt, wenn er oder sie ein Einzelunternehmen aufmacht. Eine schlaue Agentur hatte diesen Namen erfunden und damit auch schon sprachlich klar gemacht, welche Perspektive angesteuert wurde: die der Entsolidarisierung. Ok, krasse Phantasie, das mit den Hohlwangigen und den Organen – habe ich vielleicht mal in einem dystopischen Film gesehen, aber die Richtung, in die es im Schatten von Corona gehen könnte, erschreckt mich. Das hat mir gestern echt den ganzen Tag vermiest!

  15. Liebe EVler,
    nach Informationen durch Mopo und später durch Mitglieder des Einwohnervereins, habe ich erfahren, dass einige von Euch einen Boykottaufruf gegen Edeka Niemerszein starten wollen.
    Als Mutter und Psychologin kann ich die emotionale Empörungswelle zwar nachvollziehen, als ehemalige Krankenschwester jedoch keineswegs.
    In meinen Augen handelt die Marktleitung völlig korrekt! Hier geht es in allererster Linie um MitarbeiterInnenschutz wie auch KundInnenschutz!
    Kleine Kinder kann man nicht auf Mindestabstände konditionieren und ebenso wenig verhindern, dass sie mal in die Regale oder ins Gemüse greifen. Das ist normal und nicht zu ändern und das hat mein Sohn im Kleinkindalter durchaus auch nicht verstanden.
    Darüberhinaus gibt es m.E. nach – auch für Alleinerziehende – genügend Möglichkeiten sich in Nachbarschaftshilfestrukturen zu organisieren, z.B. über nebenan.de oder einfach mal andere Mütter/Väter fragen, ob sie etwas mitbringen können. Momentan geht es darum andere zu schützen und vor allem auch die MitarbeiterInnen in den Supermärkten, Krankenhäusern und allen öffentlichen Einrichtungen, die schließlich für unsere Versorgung arbeiten. Übrigens: MitarbeiterInnenschutz und -rechte zu vertreten kann durchaus eine linke Position sein, auch wenn ich die Niemerszein nicht zugute halte.
    Daher: lieber einfach mal den Kopf einschalten, gelassen bleiben und nicht auf jeder Empörungswelle mitsurfen!
    Solidarische Grüße
    Angelika (seit 32 Jahren St. Georger Nachbarin)

  16. Hej, hier eine Stimme aus Göteborg.
    Wie die „Zeit“ richtig titelt: Die Welt steht still. Nur Schweden nicht!
    https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/coronavirus-schweden-stockholm-oeffentliches-leben
    Ich kann die Ausführungen und Einschätzungen des Autors voll umfänglich teilen aus meinem persönlichen Erleben, deshalb will ich nicht näher darauf eingehen.
    Ich bin heilfroh in einer Familie zu sein, in der die deutsche (!) Mutter verantwortungsbewußt gehandelt hat. Sie selber ist im Home Office, die beiden Kinder in der Schule krank gemeldet. Dies bedeutet nun allerdings auch für mich eine völlige Umstellung der ursprünglich angedachten Aufgaben. Ich bin jetzt, wenn die Mutter arbeitet, verantwortlich für zwei aufgeweckte und äußerst lebhafte Jungs, muss ihre Schulaufgaben beaufsichtigen und sie beschäftigen. Ade, du gemütliches Rentnerleben! Und meine große Hochachtung vor allem Lehrkräfte dieser Welt und vor allen Eltern im Home Office (Wort des Jahres?) !
    Und Dank an die Initiatoren dieser Platform! So bin ich jeden Tag meinem aktiven und kreativen Stadtteil St.Georg verbunden.
    Bleibt gesund und zuversichtlich, auch wenn es oft schwer fällt.

  17. Jetzt ist heute früh das Lampedusa-Zelt definitiv abgebaut worden. Begründung: Corona und Allgemeinverfügung. Nun erhärtet sich dann doch die Vermutung, dass die Pandemie ausgenutzt wird, um andere unliebsame Einrichtungen abzuschaffen, wofür man in normalen Zeiten heftige Kritik hätte einstecken müssen. Schon ärgerlich sowas!

  18. Ein herzliches Hallo in die Runde,

    nach einer ersten Schockstarre bei uns im SCHORSCH mit vielen
    Verunsicherungen nach der offiziellen Schließung (erstmal bis 30.4.) unserer Einrichtungsstandorte (SCHORSCH+ IFZ, Spielhäuser) für alle direkten Angebote mit Besucher*innenkontakten haben wir uns neu orientiert und aufgestellt.
    Im Rahmen von telefonischen/online Beratungs- u.
    Kontaktangeboten halten wir Kontakt zu unseren Besucher*innen und
    unterstützen, wenn irgendwie möglich in Krisensituationen. Zudem
    unterstützen wir die Kirchengemeinde bei weiteren Hilfsangeboten z.B. bei der Obdachlosenversorgung. Eine Reihe weiterer Überlegungen und Ideen befinden sich in der Planung.

    Dazu haben wir einen SCHORSCH Infoflyer erstellt (siehe auch auf unserer HP https://www.schorsch-hh.de/ ) und ein weiteres Infoblatt mit noch zusätzlichen Notfall- u. Kontaktnummern für Kinder, Jugendliche und Familien, es wird täglich ergänzt! Infos und Änderungswünsche dazu bitte an Anja (aus der Beratung SCHORSCH), beratung@schorsch-hh.de., dank euch!

    Zwei Reisen mussten wir leider nach Rückkopplung mit den
    Einrichtungen/Teilnehmer*innen, Trägern der Maßnahme und Fachbehörden absagen, einmal die Reise nach Bosau am Plöner See für Kinder- u. Jugendliche in den Maiferien und besonders schwer ist uns die Absage der großen interkulturellen Stadtteilfreizeit (ca. 220 TeilnehmerInnen) nach Sylt in der ersten Sommerferienwoche gefallen, wobei wir, sozusagen aus Trotz, gleich für 2021 reserviert haben! Es gibt bereits Überlegungen in der ersten Sommerferienwoche ein buntes Ersatzferienangebot, sozusagen Sylt in St. Georg, anzubieten, aber warten wir erstmal die allgemeinen Entwicklungen ab und drücken uns die Daumen!

    Euch alles Gute und bleibt gesund,

    Liebe Grüße, Tilman aus dem SCHORSCH

  19. 25.3.
    Liebes Tagebuch,
    als ich heute Morgen beim Zähneputzen in den Spiegel schaute fiel mir ein, dass es knapp 2 Wochen her ist, dass ich mich mit meinen Freundinnen über folgende Frage austauschte: „Wie rette ich meine Frisur über die Krise?“ Ob Du’s glaubst oder nicht, ausnahmslos ALLE, auch die im Ausland, machten sich deswegen Sorgen, und zwar wahlweise um Schnitt, Farbe oder Dauerwelle. Ich selbst zögerte lange, bevor ich dann doch noch schnell zu einem Friseur in der Langen Reihe lief. Mit wackeligen Knien, weil ich mir nicht im Klaren darüber war, wie riskant das mittlerweile sei – aber mit dem inneren Schlachtruf „Wohlfrisiert durch die Pandemie!“
    Ist das wirklich erst so kurz her? Es scheint in einer anderen Zeit gewesen zu sein und liegt doch nur vierzehn Tage zurück. Jeder Moment war vollgestopft mit neuen Nachrichten, neuen Gefühlen, neuen Gewissheiten. Zuerst: „Das ist hier doch alles Panikmache! Da haben die Medien endlich mal wieder ihren großen Auftritt, ha! Und morgen wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben.“ Dann: „Die Politik, alles Weicheier, trauen sich keine handfesten Entscheidungen zu, da muss doch jetzt hart durchgegriffen werden!“ Wenig später: „Ach ja, es gibt ja noch diese Grundrechte, die stehen in der Verfassung und sind bestimmend für unser gesamtes gesellschaftliches und privates Leben. Sollen die jetzt so mir nichts dir nichts außer Kraft gesetzt werden?“ Während sich die Außenwelt in Richtung Stillstand bewegte, wechselten in der Innenwelt in rasender Geschwindigkeit Gefühle von Sorge, Zuversicht, Angst und manchmal einfach Langeweile. Gedanken, die sich normalerweise hübsch langsam nacheinander entwickeln, rasten in kürzestem Abstand durch Kopf, Bauch und Herz. Liebes Tagebuch, ist das der Grund, dass mir die vergangene Woche vorkommt, als liege sie schon Jahre zurück? Was ist das bloß für ein merkwürdiges Ding, die Zeit? Einstein wusste ja schon, alles ist relativ. Aber wie funktioniert das? Gestern Nacht hatte ich einen komischen Traum. Ein Blatt und eine Raupe. Das Blatt war die Zeit, auf der sich die Raupe ihren Weg bahnte. Fest auf die Vorderbeinchen gestützt, hüpfte sie mit ihrem Hinterteil hinterher und bildete eine Brücke. So übersprang sie einzelne Zeitabschnitte, und ich dachte im Traum: Aha, so geht das also mit der Zeitverkürzung! Irgendwann wird sich Fräulein Raupe vermutlich ermattet ausstrecken, und dann deeehnt sich die Zeit bis neue Ereignisse sie in Marsch setzen.
    Jetzt bin ich wach und frage mich: Hat eine Raupe überhaupt Vorder- und Hinterbeine? Und wenn ja, wieviele?

  20. Was man sonst noch so in Zeiten von Corona machen kann…

    Ich habe gerade über ein Spiel gelesen, das Spaß machen könnte und das Familien empfohlen wird, wenn die Kinder mal nicht mehr an der Spielekonsole sitzen sollten und auch sonst sich ruhig mit etwas Kommunikativerem beschäftigen könnten:
     
    Man schlägt ein Buch auf (kann man ja übrigens jetzt auch per mail bei Wohlers bestellen, es wird dann per Post geschickt! buchhandlung@dr-wohlers.de), man schlägt also ein Buch auf und tippt auf einen Satz. Dieser Satz wird aufgeschrieben und jede/r schreibt dazu eine eigene Geschichte weiter, die mit diesem Satz beginnt. Nicht länger als eine Seite. Die Geschichten liest man sich dann gegenseitig vor und erbaut sich an der Kreativität und Phantasie der anderen.

    Das kann man ja auch online mit Leuten machen, die Spaß am Geschichtenerzählen haben…

  21. *danke*

    ich möchte an dieser Stelle mal DANKE sagen…
    danke an Michael für die vielen detaillierten Infos — mir hift es zum besseren Verstehen.
    danke an Gabriele für die vielen schönen
    Beschreibungen ihrer Ausflüge und Eindrücke.
    danke an die Leute, die in ihren ‚kämmerchen‘ irgendwas basteln (wie z. b. Mundschutz ect) um weiter zu helfen.
    danke an all, die Initiative zeigen und etwas
    in Gang setzen… hotline‘ ect.
    die Liste lässt sich sicher noch fortsetzen,
    das aber würde hier den Rahmen sprengen !
    viele vielen Dank an alle — ihr seid spitze ❣️
    passt gut auf euch auf und bleibt gesund…
    glg monika

  22. Bei Edeka ist die Belegschaft wirklich ziemlich flapsig im Umgang mit den Kund*Innen. Ich kaufe auch normalerweise nicht da ein, aber gestern war ich in der Nähe, und hab etwas besorgt, das es bei Penny nicht mehr gibt, und beim Bezahlen fiel mir nicht gleich auf, dass die vor der Kasse Abstände von 1,50 m mit mehreren Klebebändern auf dem Boden markiert haben. Ohne irgendeinen Hinweis. Weil ich offenbar etwas jenseits der Markierung gestanden habe, flapst mich die Kassiererin an: „Zurücktreten der Herr da vorne!“ – Das ist bei Penny besser gelöst: die haben etwas weiter vor den Kassen ein Flipboard aufgestellt, mit dem deutlichen Hinweis: „Nicht vergessen: Bitte Abstand halten!“

  23. Liebe Nachbarinnen und Nachbarn,
    ich habe einen Kommentar abgegeben zum Ausschluss von Eltern mit Kind im Edekamarkt an der Langen Reihe. Dazu möchte ich einen Satz korrigieren, durch zwei Worte ergänzen. Es soll heißen :
    Gestern habe ich von zwei Müttern erfahren, dass Eltern mit Kind im Edekaladen an der Langen Reihe der Einkauf von der Marktleitung untersagt wurde und weiter untersagt wird.
    Herzliche Grüße, Ursula

  24. Liebe Monika,
    ich beziehe mich auf Deine beiden Kommentare von heute. Zuerst der Tipp mit dem Psychologen-Telefon für psychsisch Kranke, die jetzt besonders unter der Isolation zu leiden haben. Danke dafür! Eine meiner besten Freundinnen ist betroffen, und ich habe ihr die Nummer gleich weiter gereicht. Zum anderen: bei sorgenvollen Gedanken und Grübeleien tut es nach meiner Erfahrung gut, sich nach draußen zu bewegen – so es denn möglich ist. Heute habe ich mich auf den geplanten Grünzug vom Lohmühlenpark nach Entenwerder begeben. (Micha erwähnte das kurz in seinem gestrigen Kommentar von 13.29 Uhr.) Das ist mal was anderes als Alster und Eilenau und von St. Georg aus ganz gut zu erreichen, wenn man einigermaßen fit ist. Geradezu ein Geheimtip. Der Weg führt direkt an Herrn Teheranis Berliner Bogen links entlang bis es nicht mehr weiter geht, dann ein paar Schritte links, über eine kleine Brücke und zwischen 2 Tennisplätzen hindurch, ein bisschen rechts und schließlich über die Wendenstraße am Betriebssport-Gebäude entlang. Klingt komplizierter als es ist. Das hat so seinen ganz eigenen Charme, und man kann ja jederzeit wieder umkehren, wenn’s genug ist.
    Beste Grüße! Gabriele

  25. Liebe Nachbarinnen und Nachbarn, uns wird viel abverlangt in dieser komplex schwierigen Lage. Alle sind betroffen und viele bieten ihre Unterstützung an. Das Wort Solidarität, seit langem war es für viele ein Unwort aus der sogenannten linken Ecke, erlebt eine neue Blütezeit. Dass Solidarität wichtig ist in einer demokratischen Gesellschaft, sollten wir auch nach Corona erinnern.
    Von Gabriele fand ich die Anregung, die Magnolie Blüte nicht zu verpassen, sehr schön. Die Augen offen halten für die schönen Bilder in der Natur und zwischen Menschen, die sich aus der Distanz zulächeln, Kindern, die mit Laufrädern unterwegs sind…..
    Auf das Thema Kinder und in diesem Zusammenhang auf eine besondere Problematik in unsem schönen Stadtteil möchte ich hier aufmerksam machen :
    Die Kinder und ihre Eltern sind leider in einer besonders belasteten Situation. Die Kitas sind zu, die 24 Stunden Betreuung ist eine Herausforderung, die alle Eltern schwer trifft. Alleinerziehende sind nochmal mehr betroffen.
    Gestern habe ich von zwei Müttern erfahren, dass Eltern mit Kind im Edekaladen an der Langen Reihe das Einkaufen von der Marktleitung untersagt wurde und weiter untersagt wird. Ich habe mich gestern beim PK 11 erkundigt, ob der Edekamarkt Personengruppen ausschließen darf. Die freundliche PK 11 Kollegin hat sich sehr zügig darum gekümmert und mich zurückgerufen. Sie bedauerte, dass die Polizei nichts für die Eltern machen könne, da Edeka das Hausrecht habe und diese Diskriminierung von bestimmten Menschen frei entscheiden dürfe. Hier ein Dank an die freundliche Kollegin vom PK11.
    Ich finde das unglaublich und würde mir wünschen, dass solidarische Kundinnen und Kunden Edeka mit den Füßen die rote Karte zeigen und dort nicht mehr einkaufen gehen.
    Ich wünsche mir Solidarität mit den Kindern und ihren Eltern.
    Ich bin froh, dass es diese Forum gibt und danke dem Einwohnerverein für diese Plattform.
    Zusammenhalt stärkt unsere Psyche.
    Herzliche Grüße an alle solidarischen Menschen, Ursula

  26. … Corona hat leider nicht nur körperliche Auswirkungen. Durch die Zwangsisolierung
    sind auch ganz besonders – oft vergessen – psychisch kranke Mitmenschen in Mitleidenschaft gezogen.
    Ich habe auf ZEIT. DE einen interessanten Artikel gelesen, der hilfreich sein kann.
    Es wurde eine kostenfreie Hotline eingerichtet, in der Psychologen*innen Hilfe anbieten : +49(0)800 000 95 54
    HelloBetter ➡️ Beratung bei psychischen Belastungen in der Corona-Krisensituation.
    ich hoffe, dass Betroffene dieses Hilfsangebot in Anspruch nehmen. Zusätzlich :
    Facebook. com/HelloBetterHealth
    oder Email direkt an
    qa@hellobetter.de – Betr. „live Sprechstunde“
    wünsche alles Gute… und tapfer bleiben!
    glg monika

  27. Hallo ihr lieben,
    die steigenden Zahlen der neu infizierten hat mich betroffen gemacht. Nun haben wir schon fast 1000 in Hamburg. Ich frage mich, welche Altersgruppe hat sich vornehmlich infiziert und wie lange wird es dauern, bis sie Maßnahmen greifen. Laut Milchmädchenrechnung — wenn man den Vorlauf der freiwilligen Isolation in der letzten Woche mal außen vor lässt — wäre ja dann :
    14 Tage Inkubationszeit, plus einen gewissen Erholungszeitraum = würde bedeuten, dass spätestens Mitte April die Zahl der Infizierten zu Stillstand kommen muss…?!?… vorausgesetzt, die Menschen halten sich an die Regeln. Gibt es doch einen Lichtblick am Horizont…?… vorausgesetzt die ganzen Maß-Regeln greifen (!)… was… wenn… nicht…?

  28. 23.3.
    Liebes Tagebuch,
    Post von K. ein paar Straßen weiter. Sie schreibt: „Diese Krise ist offenbar doch anstrengender für die Psyche als ich mir eingestehen möchte.“ Die quirlige K! Immer unterwegs in Sachen Ehrenamt, Reisen, Kultur, Kunst… Jetzt fühle sie sich erschöpft, schreibt sie, obwohl sie doch weniger tue als vorher. Ich kann’s verstehen. Das Tempo innerhalb weniger Tage von hundert auf null zu schrauben ist echter Stress. Da haben solche Couch-Potatoes wie ich es besser. Ich brauche jetzt nicht einmal mehr eine Ausrede, wenn ich mich nicht vom Sessel erhebe. Merkt ja keiner. Ideal ist das aber auch nicht. Liebes St. Georg, Du hast mich bisher gut in Schwung gehalten, das sei Dir an dieser Stelle einmal ausdrücklich gedankt. Jetzt wäre es ein Leichtes, zu verlottern.
    Warum ist es in der Wohnung eigentlich so still? Ich hab‘s: die Telefonanrufe mit diesen verdächtig langen Nummern auf dem Display haben aufgehört. Von einem Tag auf den anderen! Hey, Ihr Cyber-Gangster, was ist da los? Sind Eure Algorithmen von einem Virus befallen? (Haha, Wortspiel!) Es kann doch nicht sein, dass Ihr plötzlich moralische Bedenken habt, arme ahnungslose Rentnerinnen über den Tisch zu ziehen!
    Genug palavert. Jetzt werfe ich mich in ein sportliches Gewand und dann geht’s raus. Es ist Frühling! Die Magnolie im Graumannsweg hatte gestern schon ganz dicke Knospen. Vielleicht gehen sie heute auf. Das will ich auf keinen Fall versäumen.

  29. Leute, bestellt und kauft Bücher weiter bei der Buchhandlung Wohlers in der Langen Reihe 38 – und eben nicht bei Amazon (die stellen gerade Personal ein…)!!!
    Ab sofort können Bücher in unserer Buchhandlung unter Tel. 040/24 77 15 oder via Email an dr.r.wohlers@t-online.de bestellt und am nächsten Tag abgeholt werden – dann halt durch die Tür. Die Abholzeiten sind bis auf Weiteres montags bis samstags (!) täglich von 13.00 bis 17.30 Uhr, wie mir gerade von Jürgen Wohlers bestätigt wurde.
    Retten wir die Buchhandlung und erhalten den KollegInnen die Arbeitsplätze!
    Wie können wir anderen Läden und Einrichtungen helfen?
    Micha

  30. Ich bin ganz glücklich, dass diese ganze miese Situation nicht auch noch im Regen und dauerbewölkt ertragen werden muss, sondern die Sonne einen – wenn auch noch nicht recht erwärmt, so doch – erfreut und erheitert.
    Auch für mich heißt es, das Leben nahezu komplett umzustellen: Sämtliche Job-, Sitzungs- und Veranstaltungstermine sind weggebrochen, Diskussion und Mitgestaltung von Beteiligung sind live nicht mehr möglich, Homeoffice ist angesagt, im Job müssen ganz andere Akzente gesetzt oder vielleicht auch erst einmal neue Themen gefunden werden. Ein großes Mitgefühl habe ich in diesen Tagen nicht nur mit den Menschen, die unser (in den letzten Jahren weitgehend privatisiertes und ausgedünntes) Gesundheitssystem schultern und die Lebensmittelversorgung garantieren, sondern auch mit denen, die jetzt schließen mussten, und denen auf Dauer Insolvenz bzw. Arbeitslosigkeit drohen: Lisa und Günter vom Polittbüro, Jürgen von der Buchhandlung, den Kolleginnen der LAB usw.
    Zu den Veränderungen, die ich am nachhaltigsten, gehören diese Punkte:
    * Das tägliche Essen gewinnt irgendwie an Bedeutung, auch wegen des nötigen Einkaufs, vor allem aber, weil ich mich schon morgens darauf freue, was wir abends zu essen machen. Das hat was Tröstliches, Festes.
    * Ganz neu sind für B. und mich die täglichen, rund anderthalbstündigen Spaziergänge, die uns schon zur Kuhmühle (ja, liebe Gabriele, schön, nech?!), zu Planten&Bloomen, ins neue, kastenförmig gebaute Sonnin-Quartier, in die noch im Bau befindliche, beeindruckende südliche HafenCity und heute durch das reiche Einzelhaus-dominierte Harvestehude geführt haben. 10.000 bis 12.000 Schritte in den frühen Morgenstunden, mit der Sonne im Gesicht, und immer was Neues entdeckt: wunderbar. Morgen geht’s nach Hamm und demnächst durch den neuen Grünzug nach Entenwerder… Schön ist es, einen bestimmten Ort als Höhepunkt anzuvisieren und zum Ende hin die Brötchen zu kaufen, wichtig, sich vorher genau zu überlegen, wo es ein Klo gibt. By the way, abgesehen von der Außenalster ist überall fast überhaupt nichts los, was mir seltsam vorkommt.
    * Dabei an ganzen Zeilen geschlossener Läden vorbeizugehen macht traurig. Und lässt mich eine massive Rezession am Horizont befürchten. Immerhin, die irrige Ideologie, „Shoppen ist Leben“ (irgend so einen Spruch sah ich kürzlich noch im EKZ Hamburger Straße), die kommt im Moment weitgehend zum Erliegen. Auch die KreuzfahrerInnen auf dem Hachmannplatz, und überhaupt die ganzen Tourimassen. Nicht schade drum.
    * Ich habe mir ein Schock Bücher hingelegt, lese meine Zeitungen rauf und runter und erfreue mich nicht zuletzt an der MOPO (die seit heute 1,30 Euro kostet), weil sie neuerdings an jedem Tag mehrere Seite Rätsel aller Art präsentiert.
    * Gedanken mache ich mir um diejenigen, die sich sonst permanent auf der Straße aufhalten und denen nach und nach die Einrichtungen wegbrechen (das KIDS hat schon geschlossen, Bordellbetrieb ist untersagt, beim Drob Inn weiß ich nicht, wie es weitergeht, die Suppenküche der Gemeinde musste auf etliche Ehrenamtliche verzichten usw.). Ich teile da die Sorgen von Michael. Wo bleiben die Menschen in diesen – teilweise saukalten – Tagen und vor allem Nächten?
    * Und wie lange währt das alles? Sechs Wochen? Bis August 2020? Zwei Jahre? Mannomann.

  31. Inspiriert von Gabrieles Tagebuch hier mal eine etwas andere Notiz zum Thema Nachbarschafts-Einkaufshilfe: Mein Mitbewohner P., Mitte 30, der schon seit über 10 Jahren bei uns wohnt, reduziert seine sozialen Kontakte schon immer auf ein absolutes Minimum. Er hat praktisch keine. Seit ca. einem halben Jahr hat ihn das Jobcenter zu einer Weiterbildung in Sachen Webdesign verdonnert, die er auch fleißig wahrgenommen hat – bis letzte Woche die Schule geschlossen wurde, und nur noch Homeoffice angesagt ist. Er verlässt nur selten die Wohnung, und am Samstag erwische ich ihn auf dem Flur auf dem Weg nach draußen, und frage ihn, ob er einkaufen geht. Auch ich gehöre mit 66 zur Risikogruppe, Lungeninsuffizienz, Raucher… Darauf folgender Dialog:

    Er: „Ja!“ Ich:“Kannst du mir vielleicht 2 Flaschen Wein mitbringen?“ – „Nö, ich kauf keinen Alkohol!“ – „Wieso, du wirst doch nicht verhaftet, weil du 2 Flaschen Wein kaufst.“ – „Nö, aber ich hab schon mal den falschen mitgebracht.“ – „Ich hab ne leere Flasche, die zeig ich dir. Mit den 3 Stieren auf dem Etikett, gibt’s bei Penny.“ – „Reicht auch eine?“ – „Ja ok, eine reicht auch.“ – „Ich garantiere für nichts.“ – „Ok, ich brauch‘ auch noch 6 Eier und einen Becher Mascarpone.“ – „Was? Was ist das denn?“ – „Gibt’s im Kühlregal, italienische Quarkcreme.“ „Na gut, aber ich garantiere für nix!“ Ich drücke ihm einen Zehner in die Hand.

    Halbe Stunde später ist er wieder da, hat den richtigen Wein dabei, sogar 2 Flaschen, Mascarpone und 10 Bio-Eier – alles prima. Und ich kann mir mein geliebtes Tiramisu machen, denn ich habe gern was Leckeres im Kühlschrank, ganz besonders in diesen Zeiten. Wechselgeld hat er nicht rausgerückt, macht aber nix, das kommt auch ungefähr hin.

  32. Moin,
    ich höre und lese über Verbote von Ansammlungen von Menschen
    über 3, über 5 über 6 Personen (Text von Samstag!) Und ich sehe freundliche Polizisten an Alster und Elbe Kleingruppen ermahnen, einen Mindestabstand
    einzuhalten (im TV). – Ungeachtet dessen ballt sich zwei Minuten vom Hbf vor dem Drop Inn täglich außer sonntags eine Menge von zwei bis dreihundert Drogen-
    abhängigen vor dem Drop Inn, liegt sich in den Armen, lässt Pfeifen kursieren oder auch Drogenkapseln im Mund kaschieren und von dort aus weiterreichen, amüsiert sich über die Distanzregeln, ist nicht mehr in der Lage, den Ernst – auch der eigenen – zu begreifen.
    Ins Drop-Inn-Café werden nur begrenzte Mengen hineingelassen, jedoch mehr als in jedes normale Café (das jetzt schon geschlossen haben muss). Für die Beschäftigten gibt es Schutzausrüstung, die aber nur im Ernstfall benutzt werden soll – als gäbe es diesen nicht längst, als wären nicht gerade die drogenabhängigen z.T. auch obdachlosen, psychisch und physisch stark angegriffenen Menschen eine extreme gefährdete und zugleich extrem gefährdende Gruppe. Kein Wort in den Medien, keines von der Politik dazu… ich habe keine Lösung, bin Laie, Bürger, möchte darauf hinweisen, dass es hier ein ernsthaftes Problem gibt. Und ich möchte, dass mir der Verdacht genommen wird, es könnten doch einige (Menschen, Parteien, Behörden,
    Politiker…) diese Krise als willkommene „Katharsis“ verstehen, in der eben die Schwachen dran glauben müssen, was uns dann hinterher das Leben erleichtern könnte.
    Michael Schulzebeer
    (Text von Samstag, ich schau mir das Montag noch mal an…)

  33. 22.3.
    Liebes Tagebuch,
    Heute Nachmittag habe ich tollkühn die Grenze von St. Georg überschritten und einen Spaziergang am Eilbek-Kanal unternommen. Die Alster kam für mich bei dem schönen Wetter nicht in Frage, zu viele Leute auf zu wenig Raum. Am Kanal ist weniger los, dachte ich, weniger Möglichkeiten, sich anzustecken. Wahrscheinlich war das auch der Fall, trotzdem habe ich eine ganz neue Seite an mir entdeckt. Und nicht die beste. Jeder Mensch, der mit entgegen kam, bedeutete potenzielle Gefahr und weckte Aggression in mir. Solche Gefühle hatte ich in coronafreien Zeiten noch nicht einmal im Lohmühlenpark in finsterer Nacht! Wann immer jemand auf dem Spazierweg nicht schon bei 50 Metern Entfernung deutliche Anzeichen machte, mir in einem Bogen ausweichen zu wollen, bog ich ab auf die Fahrbahn. Und wenn er an mir vorbei ging, habe ich ihn mit bitterbösen Blicken bestraft. Nicht schön.
    Wenn ich nicht gerade damit beschäftigt war zu hassen, war der Kopf frei für andere Dinge. Wirklich schöne Gegend hier am Kanal, alles so hübsch, sauber und geordnet. Was ist in diesem Moment wohl auf dem Hansaplatz los? Wie mag es den Geflüchteten ergehen, jetzt, da sie nicht mehr in großen Gruppen zusammenkommen dürfen? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Corona sie nicht nur erwischt sondern deutlich kränker macht als mich, die ich nicht ihrem ganzen Stress ausgesetzt bin? Vor einigen Jahren gab’s diese Statistik, dass die Lebenserwartung in Billstedt 10 Jahre geringer ist als in den wohlhabenden Stadtteilen. 10 Jahre! Ob die Medizinsoziologen wohl eines Tages untersuchen, welche Klassenunterschiede dieses Virus macht?

  34. Krankenpflegerin kann von Applaus und Lob endlich ihre Rechnungen bezahlen

    Berlin (dpo) – Schön für sie! Mitten in der Coronakrise kann Krankenpflegerin Anja Dahlinghaus von all dem Applaus und Zuspruch, den sie und ihre Kollegen in den letzten Tagen erhalten haben, endlich ihre Rechnungen bezahlen. Nahezu täglich gibt es Loblieder auf ihren Berufsstand aus dem Mund irgendwelcher Politiker.
    „Klasse! Ich geb einfach meinem Vermieter zwei Lobs, einen dicken Applaus und ein Danke, das ich bekommen habe, und schon sind drei Monate im Voraus gezahlt“, freut sich die 23-Jährige, die mit ihrem knappen Gehalt sonst kaum über die Runden kommt.
    Außerdem kann sie nun endlich mehrere lange aufgeschobene Anschaffungen wie einen neuen Kühlschrank und eine neue Waschmaschine direkt bar mit einem aufrichtigen Dankeschön der Bundeskanzlerin durchführen…
    Quelle: Der Postillon

  35. Eine Idee von ’nebenan. de‘ :
    eine online-fotogalerie… wenn ihr unterwegs seid, haltet euren Eindruck fest.

  36. Statt mich über den wunderbaren Sonnenschein und das herrliche Wetter zu freuen, macht es mich fast traurig… wie sehr vermisse ich es, mit Leuten zu quatschen, zu lachen und sich auszutauschen. Laut aktueller Meldung soll das mindestens noch 4-6 Wochen anhalten… wie furchtbar…! Ich finde ja auch, dass man die Testauflagen erweitern muss! Man sollte auch ohne Symptome erfahren, ob man infiziert ist.Aber wenn uns die Ausgangsperre erreicht, ist das wohl auch hinfällig…?!? LG monika

  37. Klasse, die Idee von Dir, Gabriele. Mich würde ja auch interessieren, wie es anderen St. GeorgerInnen so geht, jüngeren, in den Heimen, mit Kindern, am Steindamm, mit türkischem Hintergrund, alleine Lebenden, mit Hunden, in Quarantäne, in der Arztpraxis… Schön fände ich auch kurze Berichte wie z.B. vom Hansaplatz, wo es gestern um 21 Uhr mit dem Klatschen für die Krankenhaus-und Ladenbeschäftigten so gut geklappt haben soll…An Aufmunterern und Mutmachendem könnte ich in nächster Zeit sicher immer mal was brauchen.
    Micha, wohl letztmalig noch unterwegs

  38. Liebe Nachbarinnen und Nachbarn,
    ich bin hier – wie wir alle – in meinen 4 Wänden ein bisschen auf mich selbst zurück geworfen und habe deshalb beschlossen, Tagebuch zu führen. Ein Tagebuch ist ja etwas zutiefst Persönliches, ein Dialog mit sich selbst, der üblicherweise nicht für fremde Augen bestimmt ist. Aber in unserer speziellen Corona-Situation treiben uns ja vergleichbare Erlebnisse, Gedanken, Ängste und Wünsche um, warum also nicht ausnahmsweise auch mal ein persönliches Tagebuch teilen?
    Achtung, jetzt geht’s los.
    Freitag, 20. 3.
    Liebes Tagebuch,
    Heute Vormittag habe ich mich überwunden und die Einkaufs-Angebote angenommen, die mir in unserem Wohnprojekt unterbreitet worden sind. In den Massenmedien und auch in meiner Selbstwahrnehmung gehörte ich mit meinen 73 Jahren ja bis jetzt zur Gruppe der flotten Best Ager. Plötzlich, quasi von einem Tag auf den anderen, bin ich Risikogruppe, eine gefährdete Alte! Das muss der Mensch erstmal verkraften! Egal. Ich habe mir also einen Stoß gegeben und die Aufträge auf mehrere Schultern verteilt. Die 14jährige Tochter der Familie unter mir fragte ich, ob sie mir eine bestimmte Sorte Bonbons mitbringen könne. Sie wusste sofort, welche ich meine, sagte fachmännisch: „Gute Wahl!“ – und brachte gleich eine Großpackung mit. Bei der Übergabe wollte ich die Geldsumme aufrunden, aber sie bestand darauf, mir das Wechselgeld ‘rauszugeben. Eine sehr krumme Zahl. Ich warf ihr die Münzen zu, die kullerten über den Flur, und sie warf mir einige davon wieder zurück, weil ich mich verrechnet hatte. Das lässt sich sicherlich noch perfektionieren, aber es war ein schönes Spiel und machte gute Laune. Von der Nachbarin schräg gegenüber fand ich auf meine Bitte nach etwas Frischem eine liebevoll ausgesuchte Mischung von Tomaten, Kartoffeln und Möhren vor die Tür, garniert von 2 Rollen Clopapier. Was für gute Erfahrungen!

  39. @ Micha Joho: Tja, was macht das mit uns? Ich würde lieber erst in ca. 4 Wochen darauf antworten, wenn es denn tatsächlich so lange andauert. – Vorläufig macht es mir noch kein Kopfzerbrechen, bin eh noch weitgehend im Wintermodus. Ich finde es (noch) nicht so furchtbar schlimm, mal für eine Weile zuhause zu bleiben. Man kann in Ruhe lesen, sich im Netz umschauen, Internetseiten bauen, fernsehen usw. In punkto Kommunikation gibt es ja zum Glück jede Menge Alternativen. Klar, die Menschen, die vom Publikumsbesuch abhängig sind, Gastronomie, Theater, Kinos etc. haben natürlich materielle Probleme, und es wäre wünschenswert, die von staatlicher Seite weitesgehend abzufedern. Es gibt bereits eine Petition für ein sofortiges, 6-monatiges Grundeinkommen: http://chng.it/G482B2WRTn – Jedenfalls mache ich keine Hamsterkäufe, solange uns versichert wird, dass man selbst bei verschärften Ausgehbeschränkungen noch einkaufen gehen kann. Vor allem: KEINE PANIK!

  40. Was macht es mit uns, wenn mindestens in den kommenden sechs Wochen dutzende Geschäfte und Einrichtungen schließen? Was macht es mit den dort arbeitenden Menschen? Was macht es im Hinblick auf die massive Einschränkung der Kommunikation? Was macht es mit einem ansonsten höchst quirligen Stadtteil?

  41. Wir alle werden durch die Arbeit von Michael und ‚Aktive‘ sehr gut mit Informationen
    versorgt. An dieser Stelle, nochmals vielen Dank! Habe auch einen Artikel erhalten, der
    sehr interessant (inkl. Links!) und infirmativ
    ist… Corona mal statistisch betrachtet.
    https://ortmann-statistik.de/corona-ist-hier-was-wir-jetzt-tun-muessen/
    wollte ich gerne mit euch teilen!
    Inas Link’s (danke dafür) geben tolle Anregungen für weitere Möglichkeiten….
    bin der „Corona-Gruppe“ – Facebook
    beigetreten. Bleibt alle gesund — passt auf euch auf… glg monika

  42. Danke Ina für die vielen nützlichen Links. Kann gut sein, dass wir die alle noch gut gebrauchen können.

  43. Wer Hilfe leisten möchte, findet hier gute Gruppen und Kontakte unterschiedlicher Art:

    Die Soli-Seite der St. Georg-Corona-Hilfe auf Telegram gibt es hier:
    https://listling.org/lists/pwfjfkpjmesjjinm/solidarische-Nachbarschaftshilfe

    Es gibt auf Facebook eine Hamburg-weite Hilfsseite unter: https://www.facebook.com/groups/CoronahilfeHamburg/

    und hier noch ne gute Internetseite für deutschlandweite Hilfsdienste: https://www.quarantaenehelden.org

    und den Aufruf der Diakonie Hamburg:
    https://www.diakonie-hamburg.de/de/presse/pressemitteilungen/Corona-Hilfe-Freiwillige-koennen-sich-bei-der-Diakonie-Hamburg-registrieren

    Die Suppenküche der St. Georg Kirchengemeinde sucht auch nach Helfern. Sie verteilen Essen im Freien an die Bedürftigen.

    Zwischenstopp Straße sucht auch nach Hilfe in finanzieller Form: https://www.facebook.com/100529300415940/posts/228921050910097/

    Ansonsten ist natürlich auch gut was auf nebenan.de los. Wer angemeldet ist, findet auch dort Möglichkeiten der Kontaktaufnahme.

    Hinz&Kunzt wurde von mir angefragt, aber sie haben keine konkreten Ideen wie wir als EV helfen könnten. Sie sind zu sehr mit Krisenmanagement beschäftigt. Ggf. melden sie sich bei uns, wenn wir unterstützen können.
    Wer an obdachlose Menschen in Hamburg direkt spenden möchte, kann das hier tun:
    https://www.betterplace.org/de/projects/77958

    Herzliche Grüße
    Ina

  44. *ZUSAMMENHALTEN*‼️

    Lasst uns mit einer Geste zusammenhalten und unseren Ärztinnen/Ärzten, Sanitäterinnen/Sanitätern, Krankenpflegerinnen/Krankenpflegern und all den Heldinnen/Helden, die gerade jetzt für unsere Gesundheit und für unsere Sicherheit sorgen, jeden Abend um 21:00 Uhr mit einem *Applaus* nach spanischem Vorbild danken.

    Bleibt gesund und FLATTEN THE CURVE
    Gina

  45. Liebe EV-Aktive,
    um überhaupt was auf die Beine zu stellen, bräuchte man eine Kontakt-Telefon-Nr
    die abwechselnd besetzt wird, wo die Nachbarn ihre Bedürfnisse äußern können,
    wie z. B. Einkaufen, Botengänge (Apotheke oder Post wegbringen), Gassi-gehen oder aber Telefonate verabreden – zu quatschen –
    gegen die Einsamkeit.
    ich denke auch, dass kleine out-door-gruppen
    zusammentreffen können… mit Einhaltung
    der Maßregeln! Mit Flyer’s kann man das dann bekannt geben.
    nur mal so’ne Idee. glg… bleibt gesund
    monika

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