Austausch zum Thema Corona-Pandemie

St. Georg, den 25.4.2020

Liebe St. GeorgerInnen und St. Georger,

am 19. März hatten wir dieses EV-Coronaforum mit dem nunmehr unter dem 25. April einsortierten Einleitungsschreiben eröffnet. Inzwischen sind mehr als fünf Wochen verstrichen und wir erleben eine andere Ära. So haben wir uns auf ein bedrohliches Virus einstellen müssen, aber auch auf allerhand Einschränkungen und Zumutungen. Dutzende geschlossene Einrichtungen und Geschäfte, aufgelöste kleine Kundgebungen mit Mundschutz und Abstand, mit Flatterband verhängte Spielgeräte und Sitzbänke, die nicht unumstrittene Maskenpflicht – und alles das im Corona-Hotspot St. Georg, wie uns einmal mehr aus der Presse weisgemacht werden soll.

Wir müssen uns offenbar auf eine längere, vielleicht sogar lange Phase solcherart Verhältnisse einstellen. Was uns veranlasst, dieses stadtteilverbundene Coronaforum fortzuführen. Denn es gibt wohl auch weiterhin viel zu sagen, los zu werden und auszutauschen.

Michael Joho, für den Einwohnerverein St. Georg von 1987 e.V.

91 Gedanken zu „Austausch zum Thema Corona-Pandemie

  1. hallo leute,
    ich habe wirklich ne ganze zeit gebraucht, mich zu entscheiden, ob ich mein bedauern zum ausdruck bringen soll… bedauern darüber, dass keiner mehr interesse hat,
    sich hier mitzuteilen (… es fing doch sooo gut an!) und dachte an einen regen austausch, während und nach der corona-krise… was heißt hier „nach“?! wir sind noch nicht
    endgültig damit durch – und werden es auch wohl so
    bald nicht sein. kommt hier bereits die „neue normalität“
    zum vorschein…? ich habe den eindruck, dass uns eine
    verwirrung umgibt und ich glaube, daß corona eine menge
    mit den menschen und der gesellschaft macht. wir wissen nicht so recht wo es lang geht. ich habe schon den
    vergleich mit dem brennglas gehört : verborgenes,
    missstände werden sichtbar, die schere geht weiter auseinander. viele menschen werden unfreundlicher, gereizter, manche sind immer noch hysterisch, andere
    haben keinen bock mehr und verhalten sich rücksichtslos.
    und draußen treffen alle aufeinander und eigentlich
    weiß man meistens nicht, wie das gegenüber drauf ist.
    das ist wirklich verwirrend. das cornern, an den ecken
    alkohol trinken, laute gespräche führen ergibt genervte
    und aggressive anwohner. in einem anderen stadtteil
    wiederum, scheint alles ganz normal zu laufen.
    uns fehlen einfach auch die kulturellen angebote.
    in diesem sinne – auf bald
    monika dankert

  2. „neue Normalität“….
    dieses Wortspiel will mir einfach nicht aus dem Kopf. Das Straßenbild in der Langen Reihe sieht ganz und gar nicht „neu“ aus… eher im Gegenteil! Die Strassencafe’s sind voll und man sitzt gedrängt beieinander.
    Ich bin völlig verwirrt! Die Leute umarmen und herzen sich, als gäbe es dieses Virus nicht. Das zweite Lockdown ist quasi vorprogrammiert. Und dann ist da die andere Seite : gehst du in ein Geschäft, musst du natürlich die Maske aufsetzen… warum, frag ich mich ; gehst du in ein Restaurant, musst du die Maske aufsetzen, kannst sie aber am Tisch wieder abnehmen. Was stimmt hier nicht!?
    wie kann ich die Aerosole (die ja auch Virusträger sind) davon abhalten, dass sie uns näher kommen… gar nicht.!
    ah-ha… jetzt komm‘ ich drauf…
    Abstand ist die „neue Normalität“!
    Denn nun wird es für uns normal sein, dass wir Abstand halten, uns nicht mehr die Hände schütteln, uns nicht mehr umarmen und ständig mit ängstlichen Gefühlen, angesteckt zu werden, leben müssen.
    Wie stressig!
    Ist die „neue Normalität“ eine zwischenmenschliche Kältewelle?
    Das wäre sehr bedauerlich…
    in diesem Sinne — einen herzlichen Gruß…

  3. 11.6. (20)
    Corona, du abgetakelte Fregatte –
    verlierst langsam den Schrecken und dümpelst nur noch müde durch die Hamburger Statistik. In anderen Ecken der Welt sieht es wahrlich anders aus, aber hier stellt sich langsam so etwas wie Normalität ein. Wie ich höre, nennt sich das jetzt „das neue Normal“. Nachher wird sich unsere Drachen-Redaktion zum ersten Mal wieder treffen, nicht per Video sondern analog, live und in Farbe in den Räumen des LAB am Hansaplatz. Darauf freue ich mich. Ich habe auch schon wieder vor unserem Stammlokal in der Sonne gesessen, so ähnlich wie Karla es am 31.5. hier im Forum beschreibt. Im Gegensatz zu ihr habe ich die Zeit des Lockdowns allerdings nicht für aufgeschobene Arbeiten genutzt. Peinlich. Über diese Stelle ihrer Aufzeichnung habe ich beschämt schnell hinweg gelesen. Nicht aber über den anschließenden Satz: „Eine Freundin hat mir erzählt, dass sie keine ‚To do Listen‘ mehr macht, sondern abends die ‚getan Liste‘ ausfüllt…“ Mensch Karla, ein genialer Tipp! Hätte mir den schon früher mal jemand gegeben, wären mir zehn Jahre Therapie erspart geblieben! Im Ernst: Für guten Rat in Sachen praktische Lebenshilfe bin ich immer empfänglich.
    Ungefähr zur gleichen Zeit schrieb Micha in seinem Corona-Rundbrief darüber, dass seine Dokumentationen unterschiedlicher Positionen zu den verordneten Maßnahmen böse Kommentare zur Folge hatten. Entsprechende Erfahrungen habe ich auch gemacht. Alles, was in puncto Virusbekämpfung von der jeweiligen Meinung des oder der anderen abweicht, wird aufs Heftigste attackiert. So viele aggressive Diskussionen habe ich lange nicht mehr erlebt. Auch die stummen Begegnungen auf den Straßen verliefen nicht immer so einvernehmlich, wie es oft beschworen wurde. Allerdings bin ich selbst – vor allem zu Beginn der Krise – meinen Mitmenschen auch nicht gerade mit souveränem Großmut entgegen gekommen. Angst macht unfreundlich.
    Aber es gab auch heitere Episoden. Erinnerung an einen Tag im April:
    Liebes Tagebuch,
    heute wurde ich auf meinem Spaziergang über einen der Kanäle in Hammerbrook von einem roten Nylon Tau gestoppt, das quer über die Brücke gespannt war. Davor und dahinter ein Pulk junger Männer, lauter höfliche Typen, die eilfertig das Tau zur Seite schoben, damit ich nicht stolperte. Sie freuten sich, dass ich mich für merkwürdiges Treiben interessierte, und so erfuhr ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas übers Magnetangeln. Am Ende des Taus hängt nämlich ein bärenstarker Magnet, der nicht, wie ich vermutete, die quecksilber-belasteten Fische anziehen soll sondern alles, was sonst noch so an Metall im Schlamm schlummert. Möglichst kleine Tresore mit Juwelen drin. Ja, das hat’s schon gegeben, wurde mir erzählt, und meine Jungs, die jetzt eine Menge (unfreiwillige) Freizeit haben, verfügen offenbar über ein geheimes Wissen, wo die Chancen am besten stehen und werfen genau dort ihre Angel aus. Die kann 600 kg hochhieven! Oder waren es 60 kg? Egal, jedenfalls habe ich dann zuhause im Internet nachgelesen, dass die Behörde eindringlich warnt, weil die Leute statt Gold und Edelsteinen meistens Bomben und Granaten `rausziehen. Das ist lebensgefährlich und auch rechtswidrig. Oha. Viel Glück, Jungs, seid bloß vorsichtig! Und lasst Euch nicht erwischen.
    NACHTRAG 11.6.
    So. Jetzt wirst du, liebes Tagebuch, bis auf weiteres zugeklappt. Das „neue Normal“ animiert eher zum Leben als zum Schreiben. Hiermit befördere ich dich vom Desktop ins Archiv. Oder zu den ‚Persönlichen Dateien‘? Oder den ‚St. Georg-Dokumenten‘? Verdammt, was für ein Chaos, da gehört endlich mal System ‘reingebracht! Ich muss dringend den Computer aufräumen. Gleich morgen. Oder nächste Woche. Aber spätestens beim nächsten Lockdown!

    1. adieu Liebes Tagebuch von Gabriele und vielen Dank, für die Offenheit und die Inspiration, die du mir gegeben hast… du wirst mir fehlen !
      auf „die neue Normalität“ bin ich gespannt… wird sich wirklich was verändern…?
      alles gute euch allen

  4. Die Zeit schreitet voran. Es gibt Lockerungen und ich habe schon 3 x im Curiosa gesessen und die Gemeinschaft mit Vielen, die an den anderen Abstandstischen saßen, genossen. Es ist wieder mehr Normalität für mich. Es ist etwas anderes, als zu zweit im Park mit selbstgebrautem Kaffee zu sitzen.
    Ich bin froh, dass ich aufgrund der Einschränkungen zu vielen Reparaturarbeiten in der Wohnung gekommen bin, die ich schon Jahre vor mir hergeschoben habe. Nun sitze ich ganz beglückt auf meinem Sofa und betrachte mir meine Werke. Eine Freundin hat mir erzählt, dass sie keine „To do Listen“ mehr macht, sondern abends die „getan Liste“ausfüllt und dabei sichlich froher ist, als diesen Druck der unerledigten Dinge zu spüren. Das finde ich auch eine sehr gute Idee.
    Ich habe auch den Eindruck, dass ich wieder mehr Menschen aus meinem Umwelt auf der Straße sehe, die sich lange nicht trauten, aus dem Hause zu gehen.
    Montags und mittwochs gibt es jetzt eine lange Schlange auf dem Hansaplatz zu sehen, die auf ihre Tüten warten, die von Mehmet und seiner Crew verteilt werden. Man kann auch in der Zeit von 14 – 16 Uhr selbst Lebensmittel dort abgeben, die dann mit verteilt werden. Das finde ich eine wunderbare Idee.
    Selbst vor dem Pissoir gibt es Warteschlangen.
    Bleibt weiterhin gesund.

  5. Samstag, 23.mai
    immernoch im stay- home- Modus schau ich erstmal im Netz nach, ob budni überhaupt geöffnet hat….. Jupp – bis 21.h! gehe noch schnell was besorgen und habe auch ganz brav die Maske dabei.
    auf der langen Reihe dann trifft mich der Schlag : alle Straßencafes geöffnet und rappelvoll. Auf dem Bürgersteig rempelt man sich an, weil kein Platz ist, wegen der Tische und Stühle… Es herrscht ein treiben als gäbe es Corona nicht. Nur einige Masken Träger erinnern mich daran, dass wir uns in einer Krise befinden und im Grunde schon auf die 2.welle warten! … hab ich irgendwas verpasst,
    ist plötzlich alles gar nicht mehr sooo schlimm?
    da soll sich einer zurechtfinden!? LG

  6. 20.5. (19)
    Liebes Tagebuch,
    vorhin auf dem Weg durch den Lohmühlenpark `runter zur Langen Reihe kurze Begegnung mit drei mir wohl bekannten gleichaltrigen Damen. Ich hatte es eilig und signalisierte mit einem angedeuteten Zerren an meinen Haaren, dass ich eine Verabredung mit dem Friseur hätte. Sie riefen fröhlich zurück, dass sie das schon erledigt hätten, sahen richtig gut aus und wirkten sehr entspannt. Ich hatte heute Vormittag `rumtelefoniert und mir beim erstbesten Salon, der spontan Zeit hatte, einen Termin besorgt. Zuerst glich der Besuch ein bisschen einer Zeremonie: Namen und Adresse diktieren, Hände desinfizieren, von einer jungen Dame, die am Kittel ein Schildchen mit der Bezeichnung „Stylistin“ trug, zur Garderobe und schließlich zu einem Platz geleitet werden. Ich sah mich um. Zwei Stühle weiter strich ein Kollege seiner Kundin pechschwarze Farbe ins Haar und erläuterte ihr die Vorzüge von Kreuzfahrten. Die Maske dämpfte seine Stimme auf eine angenehme Lautstärke, sodass ich mich nicht belästigt fühlte aber doch noch gut zuhören konnte. Nicht, dass mich Kreuzfahrten sonderlich interessieren, aber für den Fall, dass mich doch mal die Lust packen sollte, erhielt ich hier schon einmal ein solides Basiswissen. Eigentlich müsste ich mich jetzt nur noch zwischen Aida Stella, Aida Nova und Aida Blu entscheiden. Üblicherweise geht es ja umgekehrt, die Kundin erzählt, und der Meister heuchelt Interesse. Hier waren die Rollen complètement vertauscht. Aus dem linken Augenwinkel konnte ich beobachten, wie meine Nachbarin ab und zu Luft holte, um auch mal eine Bemerkung einzuwerfen – keine Chance! Glücklicherweise war meine Stylistin ausgesprochen einsilbig, sodass mir keine wichtige Information zum Thema entging. Ich schwöre: das war das erste Mal seit vielen Wochen, dass ich eine Stunde lang nicht ein einziges Mal das Wort „Virus“ hörte! Es war, als falle eine schwere Last von meinen Schultern. Jedenfalls in dieser einen unvergesslichen Stunde. Als ich auf dem Weg zurück durch die Lange Reihe in den Schaufensterscheiben meinen Kopf genauer begutachtete, war ich entsetzt. Die zippeligen Fransen waren einer Frisur gewichen, die mindestens genauso beklagenswert aussieht. Nur in kurz. Sehr kurz. Zu kurz. Heilige Corona! Der Alltag hat mich wieder. Was interessieren mich jetzt noch Risikogruppe und Politik – die Stylistin hat mich verhunzt! Ich sollte sie verklagen. Regress fordern. Schmerzensgeld. Mit der Aida in See stechen und verschwinden, bis ich mich im Viertel wieder sehen lassen kann. Ach nee, geht ja nicht. Nun denn, die vergangenen Wochen habe ich mich schon unter einer Mütze versteckt, dann werde ich es die kommenden Wochen halt weiter tun. Hilft ja nix.

    1. Köstlich, Gabriele!
      Frohes WACHSEN auf dem Haupt! Nicht alles was wieder erlaubt ist, ist unbedingt gut. 😉

  7. Ich höre, man müsse tolerant sein gegenüber Verschwörungstheoretikern und dürfe sie nicht ausgrenzen. Ich bin anderer Meinung. Wissenschaftlich eindeutig überholte Meinungen haben in einer demokratischen Auseinandersetzung keinen Platz. Sie kosten unnötige Energie, Platz und Zeit. Um das zu verdeutlichen, wäre es gut, ab und zu mal mit diesem Plakat neben Verschwörungstheoretikern aufzutauchen: „Die Erde ist eine Scheibe.“

  8. Mittwoch 13.Mai
    heute habe ich das erste Mal in meinem Leben an einem Zoom-Meeting des Einwohnervereins (als passives Mitglied) teilgenommen und ich muss sagen, es war für mich ein wenig befremdlich. Plötzlich war ich in der guten Stube anderer Leute, in deren privatem „Heiligtum“, in das man eigentlich eingeladen wird! Und dann versucht man auch noch, sich über Corona*Maßnahmen*Auswirkungen*weitere
    Vorgehensweisen ect auszutauschen, was akustisch und visuell über den Äther gar nicht so leicht war. Hinzu kommt, dass ich noch nicht einmal mit allen Funktionen meines Smartphones vertraut bin und die Mikrophon – Taste nicht gefunden habe ; somit hab ich die anderen zwar gehört, konnte aber nicht am Gespräch teilnehmen…. lokdown?! (oder lokin!?). mannomann… da hab ich ja noch einiges zu lernen. Diese moderne Art der sozialen Kommunikation… oder ist das ’ne
    „Gewöhnungssache“…. jedenfalls kam ich mir plötzlich ganz schön alt vor! Na-ja, was heißt hier alt… Die Genossen am anderen Ende der Leitung sahen auch nicht grade aus, wie das blühende Leben. Aus den blassen, etwas bedrückten Gesichtern konnte man die Anstrengungen der letzten Wochen erahnen.
    Man (n) fühlt sich irgendwie kraftlos!
    ABER : Michael, der Bart steht dir! Der tägliche Arbeitsaufwand wegen der Newsletter’s lässt wohl keine Zeit zum rasieren… 😉 chapeau für eure Aktivitäten, trotz der kraftzehrenden Zeiten.
    Auch deine Tagebucheintragungen – Gabriele,
    verlangen dir (wie ich inzwischen weiß) doch mehr ab, als man beim lesen vermutet. Bitte weitermachen… sie würden mir sonst fehlen.
    OK – Michael sagt, „ich sei ja bei nebenan
    recht aktiv“! Das klingt so, als würde ich im Sandkasten mit Förmchen spielen… 😉
    nee, da tummeln sich auch besorgte und erschöpft Mitbürger und manchmal entfachen auch heftige Diskussionen über Verschwörungstheorien und dgl. , oder da hat sich doch schon wieder ein Typ eingehackt, der seine Freundin als Nacktmodell präsentieren will. Empörung im Stadtteil!
    Gute Nacht

    1. Danke, Monika, ich hatte auch gleich nach dem Meeting, das auch mein erstes war, das Bedürfnis mich mitzuteilen. Ich hatte ein unbefriedigendes Gefühl und hab mich einerseits gefreut, euch nach Monaten leibhaftig zu sehen und zu hören, andererseits war ich auch befremdet im wahrsten Sinne des Wortes! Meine Realität ist gerade eine ganz andere. Ich lese und höre täglich zu der Situation in Deutschland, St.Georg und der Welt und es beschäftigt meine Gedanken, aber emotional und praktisch bin ich außen vor. So mag ich denn auch gar nichts dazu sagen und merke, ich kann zu den Gesprächen nichts beitragen. In sofern überlege ich auch ob es überhaupt Sinn macht beim nächsten Mal dabei zu sein. Eine Erfahrung war es allemal und nun weiß ich auch , wie es geht. Macht bitte weiter so und ab dem 18.6. bin ich dann auch mit Leib und Seele wieder da!

  9. 12.5. (18)
    Liebes Tagebuch,
    mir platzt die Hutschnur, um nicht zu sagen die Aluhut-Schnur! Seit Tagen wimmelt im Zusammenhang mit Corona der Begriff „Verschwörungstheorie“ durch sämtliche Medien. Mittlerweile hat er sogar Einzug in die ganz normalen Nachrichten gehalten. Wer soll das eigentlich sein, diese „Verschwörungstheoretiker“? Da werden Leute, die die Erde für eine Scheibe und Elvis für einen Außerirdischen halten in einen Topf gerührt mit Demonstrantinnen und Demonstranten, die offiziellen Verlautbarungen gegenüber skeptisch sind (was ihr gutes Recht ist) und WissenschaftlerInnen, die nichts weiter tun als ihrem Beruf nachzugehen, indem sie Fragen stellen. Auch unbequeme Fragen.
    A propos Scheibe – Galilei war nichts weiter als ein Verschwörungstheoretiker, als er daran zu zweifeln begann, dass die Erde flach ist. Entsprechend verfolgt wurde er von denjenigen, die zu seiner Zeit die Deutungshoheit innehatten. Heute sind es eher Politk- und Gesellschaftswissenschaftler, die massive Probleme bekommen, wenn sie vom Mainstream abweichen.
    Schwammige Begriffe wie Verschwörungstheorie haben in einer seriösen Berichterstattung nichts zu suchen! Mit diesem Totschlag-„Argument“ lässt sich bei politischen Diskussionen wunderbar jeglicher inhaltlicher Auseinandersetzung ausweichen. Dabei wird der „Aluhut“, diese lustige Zipfelmütze, die vor geheimen Strahlen schützen soll, die das Gehirn umpolen, zum passenden Symbol stilisiert. Eine Super Methode, um Andersmeinende der Lächerlichkeit preiszugeben. Der Kieler Wahrnehmungspsychologe Rainer Mausfeld drückt es so aus:
    „Der politische Kampfbegriff der Verschwörungstheorie… ist ohne jede ernsthafte intellektuelle Substanz und erschöpft sich weitgehend in seiner ideologischen Verwendung als Diffamierungsbegriff.“
    Es gibt eine ganze Reihe lesenswerter Bücher zu dem Thema und auf YouTube interessante Vorträge. Trotzdem ist es oft schwierig zu erkennen, bei welcher Nachricht es sich um die halbwegs objektive Darstellung von Fakten handelt und wo Propaganda und Manipulation im Spiel sind. Was Corona und die damit einhergehenden Maßnahmen angeht, habe ich für mich immer noch keine abschließende Meinung gefunden. Das ist nicht leicht auszuhalten, denn der Mensch wünscht sich Eindeutigkeit und klare Verhältnisse. Leider sind die gerade nicht zu haben, jedenfalls nicht für mich, und deshalb heißt es misstrauisch sein, wenn sich in den Massenmedien bis in einzelne Formulierungen hinein gleichlautende Einschätzungen finden – auch wenn ich sie nicht sofort widerlegen kann. Wenn sie noch dazu mit dem Wort „Verschwörungstheorie“ garniert sind, bin ich jedenfalls im höchsten Maße alarmiert.
    Da halte ich es mit Erich Kästner, der gedichtet hat:
    „Was immer auch geschieht, nie sollt ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!“

    1. Wie schön, das Kästner-Zitat! Kannte ich noch nicht. Und die Verschwörungstheoretiker machen auch mir Sorgen. Habe eben mit einer Freundin aus Berlin telefoniert, die berichtet, dass die Leute – Hygiene-DemonstrantInnen – am Rosa-Luxemburg-Platz wirklich am Rad drehen: Rechte, Linke, Spießer und Punks – alles durcheinander mit hanebüchenen Parolen!

  10. Ich schreibe ein paar Gedanken und Beobachtungen zum Umgang mit Corona. Es betrifft den Kinder- und Spielplatzbereich, den ich idiotisch fand so abzuschirmen und zu sperren! Was man auf den Spielplätzen vorfindet sind vorwiegend Einzelspielgeräte wie Schaukel, Rutsche, Klettergerüste, Schwebestrippen, Tiere zum drauf wippen, klettern. Ich sehe selten Kinder beim Sandspielen, die aufeinander hängen. Wir hier im Lohmühlenpark haben eine Asphaltfläche zum Buggy – Roller – Fahrrad – Laufrad – Rollschuhfahren und Basketballspielen, wobei vorwiegend geübt wird in den Korb zu treffen. Das sind alles Spielaktionen die vorwiegend alleine oder mit einem Partner als Gegner gespielt werden. Ein Klettergerüst bietet sich eben zum Klettern an, das machst Du nie zu zweit. Wer hier höchstens Anlass für Kritik bietet, sind die sich unterhaltenden Mütter, die aber auch Abstand halten können. Im Kindergarten kann es ebenso organisiert werden oder die Kinder spielen meist in einer Zweiergruppe. Insgesamt sollte die Gruppe nicht mehr als 5-6 Kinder groß sein. Der Kontakt zur Erzieherin kann nicht unterbunden werden, dazu sind regelmäßige Tests notwendig. Dass diese Frage nicht auch schon viel zeitiger bei den Kindern geprüft wurde, verstehe ich nicht. Warum geht man dieses Risiko bei den Kindern, dass sie einen Schaden durch diese lange Isolation davon tragen, ein?
    Gisela

  11. 8.5. (17)
    Liebes Tagebuch,
    8. Mai. Tag der Befreiung. Auf meinem Weg in die Lange Reihe kam ich heute Vormittag durch die Schmilinskystraße. Von weitem sah ich die Rosen auf dem Pflaster – aber erst beim Näherkommen, dass sie neben drei blank geputzten Stolpersteinen vor der Hausnummer 45 lagen. Für Alfred Gerson, Bertha Waldbaum und Hugo Waldbaum. In der Straße war es vollkommen still, mir war ganz sonderbar zumute, und ich blieb lange dort stehen. Auf dem Rückweg habe ich noch Helmut Hübener meine Reverenz erwiesen, dem Widerstandskämpfer, der mit 19 Jahren geköpft wurde. Nebenbei bemerkt: Ohne die Initiative der Geschichtswerkstatt, dem Gang neben der Heinrich-Wolgast-Schule seinen Namen zu geben, hätte ich wahrscheinlich nie etwas von ihm erfahren. 8. Mai, Tag der Befreiung. Da hat es nun also Jahrzehnte gedauert, bis dieser Tag in öffentlichen Reden, in Zeitungen und dem Fernsehen tatsächlich so genannt wird. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die jeweiligen KommentatorInnen einen Ruck geben, bevor sie das Wort aussprechen, aber immerhin. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als diese Bezeichnung verpönt war, wer „Befreiung“ sagte war Kommunist, wenn nicht Schlimmeres. Die meisten sprachen vom „Zusammenbruch“, auch noch nach der Rede von Richard von Weizsäcker vor 35 Jahren, und nicht selten schwang so etwas wie Bedauern mit. Manchmal sogar ziemlich viel davon. Seitdem hätte es immer mal wieder Gelegenheit gegeben, den 8. Mai zum nationalen Feiertag zu ernennen, leider wurde die Chance jedesmal vertan. Ich finde das sehr, sehr schade. Andererseits habe ich das Gefühl, dass es allgemein nicht mehr als schieres Teufelswerk gilt, solches zu fordern. Übrigens habe ich heute Nachmittag meine erste Demo unter Corona-Bedingungen mitgemacht. Wir standen als Mahnwache vorm Stadthaus, dem ehemaligen Gestapo-Hauptquartier. Allesamt bis unter die Augen vermummt, während die Polizei höflich darum bat, Abstand zu halten. Das ist doch alles ziemlich irre!

  12. 5.5. (16)
    Liebes Tagebuch,
    Corona bekommt mir nicht. Es heißt ja, jede Krise berge die Chance zum Besseren in sich, dass einem ungeahnte Kräfte zufliegen, dass man über sich hinaus wächst und was weiß ich noch alles. Mag ja was dran sein, nur leider nicht bei mir. Die Krise macht mich lethargisch und wortkarg, sodass ich zeitweilig nicht mal mehr Lust habe, mit Dir, liebes Tagebuch, Zwiesprache zu halten. Ursprünglich hatte ich mein Augenmerk auf die skurrilen Begleiterscheinungen der Krise gerichtet, auf die Kleinigkeiten am Rande, um mir mein ganz privates Unterhaltungsprogramm zu basteln. Aber das hat jetzt eine Weile nicht geklappt. Die Tage flossen mehr oder weniger konturlos dahin, ehe ich mich’s versah war schon wieder Abend, und ich wusste nicht, wo die Stunden geblieben waren. Eigentlich habe ich für solche Selbstoffenbarungen nichts übrig, aber ich wette, dass es in diesen Wochen eine ganze Menge Leute gibt, denen es so geht wie mir. Also Leute, die nicht (mehr) im Beruf stehen und auch keine Kinder zu betreuen haben. Nur, wer traut sich schon, das zuzugeben, während um einen herum scheinbar alle so wunderbar mit dieser Ausnahmesituation zurechtkommen? Morgens pünktlich aufstehen, Gymnastik am offenen Fenster, sorgsam die Garderobe wählen, die Tagespresse studieren, vitaminreich einkaufen und gesund kochen, dann ein Stündchen James Joyces „Ulysses“ im Original lesen, regelmäßig aufräumen und putzen – echt? Das funktioniert? Bei allen? Ok, das mit dem „Ulysses“ habe ich mir eben ausgedacht, aber gelingt es den anderen wirklich so gut mit der Selbstdisziplin??
    Immerhin setze ich meine Spaziergänge fort und erfreue mich an der Natur. Dabei empfinde ich es nicht mehr unbedingt als persönlichen Angriff, wenn mir aus der Ferne ein Mensch entgegen kommt. Das ist ja schon mal was. Der Weg Richtung Südosten bietet am Steindamm Stoff für Aufregung und Abenteuer: An welcher Stelle lässt sich die riesige Baustelle wohl heute überqueren? Alle halten brav Abstand bis die Ampel auf Grün springt. Dann drängelt es sich wie in der guten alten Zeit als Corona im Kreuzworträtsel noch unter der Frage „seltener Mädchenname“ und nicht unter „Pandemie mit 6 Buchstaben“ zu finden war. Wie gesagt, ich werde gelassener in Sachen unerwünschter Nähe, ziehe für meine Körperertüchtigungsrunden aber immer noch einsame Gegenden vor. Als ich Gina und Kerstin letztens zufällig im Lohmühlenpark traf, gaben sie mir die Empfehlung: „Hast Du es schon mal mit dem Grünstreifen der A 1 probiert?“ Die beiden haben Humor, und den brauchen sie auch. Wie wir alle. Ich muss immer noch lachen, wenn ich mir vorstelle, wie ich auf der Autobahn vorbei am Imbiss „Haifisch-Sepp“ (den gibt’s!) tapfer Richtung Mümmelmannsberg walke. Danke Ihr beiden!

  13. „Wir müssen die Corona-Beschränkungen so lockern, dass wir unseren Wohlstand erhalten.“ Seid ihr denn wahnsinnig? Wenn ihr anderen ErdenbewohnerInnen dieselben Rechte zubilligt, zerstört ihr eure Lebensbedingungen, weil ihr dann drei Erden braucht, und die haben wir bekanntlich nicht. Wenn ihr anderen ErdenbewohnerInnen sagt „Ihr müsst da unten bleiben, arm, hungrig, im Krieg“, damit unser durchschnittlicher Footprint nur eine Erde braucht, dann macht ihr euch lächerlich mit eurem Anspruch auf Menschenrechte.

  14. 27.4. (15)
    Liebes Tagebuch,
    ich bin Dir noch einen Nachtrag zu meinem letzten Eintrag schuldig. Vor einer Woche hatte ich zu einem tollkühnen Dreisprung „pazifistischer Schauspieler aus den 1950ern – Corona – aktuelle Kriegsrhetorik“ angesetzt und war beim zweiten Sprung stecken geblieben. Hier nun also der Ordnung halber die Ergänzung. Da war zunächst die Schlagzeile der Bildzeitung „Was China uns jetzt schon schuldet“. In dem Artikel macht der Chefredakteur eine Rechnung auf, was die Pandemie „uns“ kostet und will das Geld von den Chinesen „zurück“. Es wäre ja zum Lachen, wenn das nicht bestens in die allgemein beliebte Feindbildpflege passen würde. Trump streut ohne jeden Anhaltspunkt den Verdacht, dass das Virus in einem chinesischen Labor entstanden ist, die Bundesregierung reagiert wachsweich und will es sich nicht mit ihm verderben. Währenddessen verhandelt unsere Verteidigungsministerin über den Kauf neuer Flugzeuge für unsere „nukleare Teilhabe“. Wofür? Ich musste es erst nochmal nachlesen, weil das seit dem Ende der Friedensbewegung in Vergessenheit geraten ist. Also, das Konstrukt dieser „Teilhabe“ stammt aus dem Kalten Krieg und beinhaltet die Tatsache, dass die USA bis heute rund 20 Atombomben in der Eifel lagern, die die Bundeswehr im Ernstfall über dem Feind abwerfen soll. Da der Feind das auch weiß, würde sich der Ernstfall also vor allem auf unserem Territorium abspielen. Es gäbe demnach keine bessere Option für unsere Sicherheit, als diese Atombomben ganz schnell loszuwerden. Davon mal abgesehen, was für schöne Sachen könnte man mit den Milliardensummen für die Flugzeuge anfangen! Auch und gerade in Corona-Zeiten… Momentan sind wir Bürgerinnen und Bürger alle gut damit beschäftigt, uns mit der widersprüchlichen Berichterstattung über das Virus auseinander zu setzen und irgendwie eine Haltung dazu zu entwickeln. Ich koche meine blütenweiße Gesichtsmaske jedenfalls Abend für Abend im (ehemaligen) Suppentopf fünf Minuten aus – Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Dabei höre ich die Nachrichten und heute dieses: Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri hat seine neuesten Zahlen veröffentlicht.
    Danach führt in Westeuropa Deutschland das Wachstum bei den Militärausgaben an. Wir sind beim Aufrüsten also ganz vorne mit dabei. Ich frage mich: Warum? Wer bedroht uns eigentlich? Steht Russland vor unseren Grenzen? (Anders als umgekehrt die Nato, die Russland bedenklich auf die Pelle rückt). Macht Peking Anstalten, in Berlin einzumarschieren? Wovor haben wir Angst?

  15. Ich will mal was Ketzerisches anmerken. Nach der teilweise fragwürdigen Schließung vieler Einrichtungen, Spielplätze, Läden und Kneipen, nach Kontaktsperre, Abstandsgebot und Versammlungsverboten empfinde ich die heute eingeführte Maskenpflicht als weiteren Schritt der Entmündigung der BürgerInnen, zumindest mit Blick auf die Auswirkungen, die diese Anordnung allzu offensichtlich zeitigt. Es mag ja noch angehen, in den Läden und in der U-Bahn so was anzulegen, aber mein Weg zur Post vorhin hat mir gezeigt, dass die Hälfte der Menschen das Teil offenbar dauerhaft „trägt“. Sollte das Schule machen, gar über Monate, dann stehen uns wirklich sehr traurige Zeiten bevor: Keine Mimik mehr, kein Lächeln, keine Grimasse, nichts, nur diese – naja, bisweilen wenigstens farbige – Einheitsmaskerade, aber das Gesicht jedenfalls wie abgeschnitten. Und mir will nicht im Entferntesten in den Kopf, was ich mittlerweile an Verrücktheiten erlebe: Da trägt eine Frau über der Schutzmaske noch einen hochgezogenen Schal, im Auto überholt mich eine Fahrerin, die alleine im Wagen sitzt und eine Maske trägt (gegen die Abgase?), da sitzt ein Mann an der Alster, Blick raus aufs Wasser, aber eine Maske auf dem halben Kopf. Was soll das? Ich habe mich jetzt einige Male aus Straßengesprächen zurückgezogen, weil mein Gegenüber eine Maske trug. Ich mag nicht zu Masken sprechen. Der Abstand von anderthalb Metern ist schon genug, alles andere eine Zumutung und aus meiner Sicht überflüssig und kommunikationsfeindlich. Jede/r mag sich überlegen, was sechsmonatiges Tragen von Masken im Alltag, auf der Straße, nebenan usw. für das Miteinander zur Folge hat.

    Zudem sollten wir uns erinnern, was uns da an wechselnden Erkenntnissen präsentiert wird. Ausnahmsweise, aber gaaanz ausnahmsweise zitiere ich mal Christian Lindner, ansonsten für mich ein aalglatter Schwätzer vor dem Herrn, aber in diesem einen Fall bringt er es twittermäßig m.E. ausnahmsweise auf den Punkt: „Die wissenschaftlichen Grundlagen ändern sich. Masken z.B. waren erst unnötig, dann Virenschleudern, dann Höflichkeit, dann dringendes Gebot, jetzt sind sie Pflicht. Das sind also politische Entscheidungen und die müssen politisch diskutiert werden können!“ Tobias Riegel formuliert es heute auf den „NachDenkSeiten“ anders; er bezeichnet die Maskenpflicht als „Symbol der Ablenkung“. Und Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery warnte vor einigen Tagen noch mal eindringlich davor, freundlich formuliert, die Wirkung zu überschätzen. Wenn diese vermeintlichen Schutzmasken falsch angefasst und nicht täglich ausgekocht werden, wenn vor allem der Abstand von mindestens anderthalb Metern nicht eingehalten wird, dann ist diese Art des Schutzes fragwürdig – Montgomery sprach vor einiger Zeit sogar von „lächerlich“, zuletzt immer noch von „möglicherweise kontraproduktiv“.

    Und ich will noch etwas Öl ins Feuer gießen, vor dem Hintergrund von Begegnungen auf den Fußwegen, wo Menschen um mich (und andere) beim Vorbeigehen einen sichtbaren Bogen machten oder – selbst mit Maske – den Kopf überdeutlich wegdrehten. Ich habe inzwischen ob dieses unfreundlichen Verhaltens öfters den Kopf geschüttelt. Ich plädiere dafür, auch als Atheist die Kirche im Dorf zu lassen und nicht überängstlich zu reagieren. Unsere Stadt hat zurzeit 1,822 Mio. EinwohnerInnen. Laut aktuellem Stand sind 4.658 HamburgerInnen positiv auf Corona getestet, also 0,26 % der Bevölkerung, anders ausgedrückt jeder 400.! Okay, da kommt noch eine gewisse Anzahl an ungetesteten Coronainfizierten dazu, die aber z.T. ihre Erkrankung offenbar gar nicht merken. Wie auch immer, mir begegnen keinesfalls 400 Menschen pro Tag, nicht einmal in der Woche, also auf anderthalb Meter Distanz oder gar auf Tuchfühlung. Und nicht jede Begegnung mit einer coronainfizierten Person führt zur Übertragung, als wenn die kleinen Tierchen nur so darauf warten würden, den nächsten anzufallen.

    Trotz aller bedrohlichen Szenarien scheinen mir Augenmaß (ohne Verhüllung) und Gelassenheit (gegen die Hysterie und Tendenz zum Denunzieren) wichtiger denn je.
    Micha

  16. Ist ein Virus intelligent? Wohl kaum, oder? Ist ja nicht mal’n Lebewesen. Hat keinen Stoffwechsel, geschweige denn ein Hirn. Ist nur eine winzige organische Kreatur, deren einziger Sinn und Zweck es ist, sich zu vermehren, zu replizieren. Dazu braucht es zwingend einen Wirt, ein Lebewesen. Was für ein klägliches Dasein! Das ist auch schon das einzige Problem: dass es da ist. Tückisch, hinterhältig, unsichtbar, verräterisch will es sich unendlich oft verdoppeln und verbreiten. Was für ein hirnloser Schwachsinn! – Wer oder was hat sich das bloß ausgedacht? Der Herrgott? Mit Sicherheit nicht. Dann wäre der für mich ein für allemal gestorben. Die Evolution vielleicht? Kann sein, aber die ist doch eigentlich dem Fortschritt geweiht, um nicht zu sagen: verpflichtet. Warum muss dieses doofe Ding sich von Wirten, bei denen es keinen Schaden anrichtet (Fledermäuse, Gürteltiere usw.) auch noch unbedingt auf den Menschen übertragen? Wo es tödliche Folgen haben kann? Muss doch nicht sein. Es könnte doch in diesen anderen Lebewesen weiter ungehemmt existieren, wenn es das denn unbedingt will – was ja auch schon kaum vorstellbar ist: dass ein Virus etwas will. Nein, es will nichts, kann nichts (außer sich vermehren und irgendwo andocken), ist eigentlich ein Nichts – und trotzdem bringt es nichts als Unheil. Ich finde das voll daneben! Und nicht zuletzt kann ich gut verstehen und nachvollziehen, dass man sich durch Sars-doof-2 nicht den ganzen Spaß verderben lassen will.

  17. Nee, nee, Gabriele, alles gut. Wie es der Zufall so wollte, las ich gerade über diesen Film, und dann erwähnst Du den. War ob des zufälligen Zufalls inspiriert, dazu was zu schreiben, auch wenn ich sehr wohl verstanden habe, dass es Dir vor allem um den Schauspieler ging.
    Viel wichtiger: Der neue „Lachende Drache“ ist draußen, eine Art „Corona-Sondernummer“, jetzt schon im Stadtteil, demnächst auch hier auf der Website. – Micha

  18. Lieber Micha,
    an dieser Stelle nur ganz kurz: die von Dir angesprochenen Hintergründe zum Film sind mir in großen Zügen bekannt. Natürlich atmet der Film den Geist der 50er Jahre, natürlich würde man eine Anti-Nazi-Geschichte heute anders machen, und möglicherweise wurde auch der Wahrheitsgehalt der Drehbuchvorlage nicht hinterfragt. Der springende Punkt ist aber: es handelt sich um einen Spielfilm, nicht um eine Dokumentation. Und als Spielfilm ist seine antifaschistische Grundhaltung für mich unbestritten.
    Dabei ging es mir in meinem Tagebucheintrag überhaupt nicht um den Film sondern um die pazifistische Einstellung eines seiner Hauptdarsteller (der zufällig auch ein hervorragender Schauspieler war). Wenn es mir nicht gelungen ist, das deutlich zu machen, dann habe ich allerdings jämmerlich versagt und schütte Asche auf mein armes Haupt. Am 8. Mai jährt sich die bedingungslose Kapitulation des 3. Reichs zum 75. Mal, und im Umfeld dieses Datums möchte ich daran erinnern, dass ohne Frieden alles nichts ist, und dass wir schon wieder dabei sind, ihn zu verspielen.
    Mit solidarischen Grüßen!
    Gabriele

  19. Liebe Gabriele, auch wenn es wenig mit der gegenwärtigen Coronakrise zu tun hat, aber Deine Erwähnung des Streifens „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957) von Robert Siodmak lässt mich für eine Ergänzung kurz in die Tasten hauen. Der Film galt damals zwar als eine gelungene Darstellung der letzten Monate der Nazi-Herrschaft, doch der eigentliche Hintergrund, die Geschichte des „größten Massenmörders“ in der deutschen Geschichte, des „Schwachsinnigen“ Bruno Lüdke (gespielt von Mario Adorf), der zwischen 1924 und 1943 angeblich über 50 Frauen ermordet haben soll, ist eine sozialrassistische Konstruktion. Und das gilt sowohl für den „Kriminalfall“ in der NS-Zeit als auch die „Präsentation“ in der westdeutschen Nachkriegszeit. Der Film(titel) geht zurück auf eine 15teilige Serie von Will Berthold in der „Münchener Illustrierten“ 1956. Die Geschichte animierte den Regisseur Siodmak, der zweifellos einen Anti-Nazi-Film machen wollte. Leider wurde „der Wahrheitsgehalt der Drehbuchvorlage … nicht weiter hinterfragt“, wie es im betreffenden Wikipedia-Stichwort heißt. Heute ist klar, dass Lüdke höchstwahrscheinlich überhaupt niemanden umgebracht hat. Über diesen Punkt hinaus wird der Film – in dem nur die schlimmsten Nazis negativ wegkommen – heute durchaus auch kritisch gesehen, das würde an dieser Stelle aber zu weit führen. Ich empfehle den aufwändig gemachten Band „Fabrikation eines Verbrechens. Der Kriminalfall Bruno Lüdke als Mediengeschichte“, 2018 bei Spector Books in Leipzig erschienen, jüngst von der Bundeszentrale für politische Bildung neu herausgegeben und dort für sieben Euro zu bestellen. Rund 20 Seiten in diesem Buch sind alleine dem besagten Film gewidmet. – Micha

  20. 22.4. (14)
    Liebes Tagebuch,
    vor ein paar Tagen habe ich auf arte einen alten deutschen Spielfilm gesehen. Es soll ja Leute geben, die sich in diesen Zeiten mit Vergnügen durch Berge von schöner Literatur hindurchlesen, allerdings sind mir persönlich keine bekannt. Alle sagen, es fehle die Konzentration, und ich muss sagen, mir fehlt sie ganz entschieden. „Die Pest“ von Camus habe ich gerade noch geschafft, dann war’s damit aus. Also der Fernseher. Beim Zappen durch die Mediatheken entdeckte ich diesen Film mit einem Schauspieler, an den ich jahrzehntelang nicht mehr gedacht hatte: Hannes Messemer. Jetzt kommt eine Geschichte, die ich einfach mal erzählen muss, auch wenn sie vordergründig mit Corona nichts weiter zu tun hat, als dass ich das Fernsehprogramm in diesen Wochen besonders aufmerksam studiere und nur deshalb auf den Film gestoßen bin.
    Hannes war ein Freund der Familie und oft bei uns zuhause. Sämtliche (!) weiblichen Familienmitglieder waren in ihn verliebt, denn er strahlte einen Charme aus, der einfach unwiderstehlich war. Ich weiß nicht, woher er den nahm, wahrscheinlich ist sowas angeboren. Dabei musste er im Film immer den Nazi spielen. So auch in diesem. Und wie er ihn spielte! Seine Rolle war die eines SS-Offiziers, und er machte daraus einen von diesen Gefährlichen, Leisen, Kultivierten, Eiskalten. Quentin Tarantino würde seine Freude an ihm haben! Es schüttelte mich richtig, als ich den Film jetzt zum ersten Mal sah. Aber das ist es gar nicht, wovon ich schreiben wollte, sondern von damals, es muss um 1960 gewesen sein, als diese Besuche bei uns zuhause stattfanden. Der Krieg lag gerade mal fünfzehn Jahre zurück, und ich war ein Teenager. In der Straßenbahn, auf öffentlichen Plätzen, überall sah man Männer mit einem irritierenden Zucken im Gesicht, Blinde mit gelb-schwarzen Armbinden, Einarmige mit Aktentaschen am langen Riemen quer über der Schulter. Und man hörte ihre Gespräche, wenn sie am Tisch mit Zigarettenschachteln und Aschenbechern ihre Positionen in den Schützengräben nachstellten, immer und immer wieder. Das war damals ganz normal, die Alten werden sich erinnern. Hannes erzählte eine andere Geschichte. Und die ging so: Als sehr junger Mensch war er zur Wehrmacht eingezogen und an die Front geschickt worden. Eines Tages gelang es ihm, zu desertieren. Anstatt sein Gewehr wegzuwerfen, nahm er es auf der Flucht Stück für Stück auseinander und vergrub es Stück für Stück alle paar hundert Meter. Die Gefahr, bei dieser Prozedur geschnappt zu werden, war groß aber ihn trieb der eine Gedanke: Mit diesem Gewehr soll nie wieder geschossen werden.
    Das ist es schon, was ich aufschreiben wollte. Ich erinnere mich nicht an alle Einzelheiten der Geschichte, aber sie hat mich damals sehr beeindruckt und berührt mich heute sogar in noch größerem Maße. Überzeugte Kriegsgegner wie Hannes waren damals selten, das war mir schon als Teenager klar, und ich fürchte, sie sind es heute wieder. Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man die Zeitungen aufschlägt oder die Tagesschau einschaltet. Da wird gezündelt, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Corona so eine Gelegenheit ist? Mehr dazu demnächst, liebes Tagebuch, jetzt ist es spät, fast Mitternacht, und ich habe ungewohnte Geistesanstrengungen hinter mir. Französisch-Übersetzung mit dem at home beschulten Nachbarkind. Dafür bringt sie mir morgen wieder diese köstlichen Bonbons aus dem Supermarkt mit…
    Nur noch schnell dieses: Der Film hieß „Nachts, wenn der Teufel kam“ bekam viele Preise und war für den Oscar nominiert.

  21. Hallo liebe Leute,
    ach Ulli, da sprichst du mir aus dem Herzen. Ich hatte wirklich zeitweise Hemmungen
    etwas zu schreiben… weil die meisten hier so wunderbar formulieren können – ganz besonders Gabriele, auf deren Tagebucheintrag ich schon jedesmal gespannt bin! Nun will ich doch mal meinen Schnabel sprechen lasen.
    kaum machen ein paar Läden auf, schon tummeln sich die Menschen… als ob nix los ist. Es wird sich umarmt, man steht nah beieinander und und und… Leute, bitte werdet nicht übermütig! Eine 2. Coronawelle
    könnte eine Katastrophe werden! Wir müssen einfach noch einige Zeit durchhalten…
    ich hab mich so langsam an da entschleunigte dasein gewöhnt, freue mich über so viele Kleinigkeiten und habe meinen tagesablauf ganz gut organisiert. Es hat eben auch sein gutes : durch die hilfsaktionen
    wie z. b. bei nebenan. de lernt man doch einige Leute „kennen“ (schriftlich natürlich!)
    und da fragt man sich ja, wie sehen die eigentlich aus… würdest du sie auf der straße erkennen? Und da pasiert was ganz schönes :
    Jana (auf dem profilfoto zwar zu erkennen… aber… na ja..) grüsst immer aus der Danzigerstr 40 oder 44 – ich weiß nicht mehr.
    wenn ich einkaufen gehe, muss ich immer durch die Danziger und ich sehe Jana an ihrem Computer sitzen und ich winke ihr immer durch die schaufenstercheibe. Sie winkt zwar zurück… weiß aber nicht, wer ihr da zuwinkt. vorgestern gehe ich einkaufen, winke Jana durch die Scheibe zu, wollte schon weitergehen… dann hab ich mir ein Herz genommen, mich auf dem Absatz umgedreht und gerufen „Jana, ich bin, monika…“ ein erkennungs-juhu war zu hören
    und wir hatten Freude, uns mal vis a vis zu begegnen. Mich hat diese Freude den ganzen Tag begleitet.
    bleibt alle gesund – eure nachbarin
    monika dankert

  22. Die Kommentarfunktion war vorübergehend geschlossen, weil der einleitende Beitrag älter ist als 30 Tage. Diese Option ist jetzt deaktiviert, und somit kann wieder fleißig kommentiert werden. (Ganz bis zum Ende runterscrollen.) Und, liebe St.Georger*innen: lasst euch nicht verunsichern durch anderer Leute Einträge, ob Tagebücher, ganz persönliche Statements oder sonstwas. Jede(r) kann hier schreibend reden, wie ihm/ihr der Schnabel gewachsen ist! Ein Kommentar ist immer, auch in den Print- und TV-Medien, eine ganz persönliche Meinung, Erfahrung, und muss hier zumindest auch nicht druckreif sein. Wir freuen uns über jede Wortmeldung, und aussortiert werden nur offensichtliche Spam-Kommentare. Also: nur zu und keine falsche Scheu!

  23. Liebe Ina, du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Die St.Gorger sind weitgehend entspannt. Manchmal drängelt sich jemand vor am Pennymarkt, aber sonst ist das öffentliche Leben friedlich und auch weitgehend regulär. Man hält Abstand, spricht
    aber dennoch mit Leuten… Trotzdem ists bei mir im Garten doch schöner!

  24. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff zuerst!
    Und ich bin eine dieser Ratten. Ich gehöre zu denjenigen, die bereits vor Wochen die Großstadt verlassen und Zuflucht im ländlichen Exil gesucht haben. Ein Ferienhaus auf Sylt besitze ich nicht, jedoch ein Elternhaus im Thüringer Wald. Also haben mein Mann und ich unsere Tochter aufgepackt, die Außenrollos unserer Wohnung in St. Georg runtergelassen, den Kinderwagen vom Flur in die Wohnung geschoben und sind im Schutze der Dunkelheit losgefahren – in meine alte Heimat. Wie war das noch? In der Not zurück in Muttis Schoß! Doch nicht nur das, bereits 3 Verstöße gegen die neuen Corona-Verordnungen waren damit schon erfüllt: Meine Eltern sind über 60, wir haben unseren Wohnort verlassen und haben zu allem Überfluss unsere Tochter zu den Großeltern gegeben. Wir sind nun schon seit 6 Wochen hier, daher haben wir nix eingeschleppt, wie nun klar ist. Immerhin das nicht. Das hätte mein eh schon schlechtes Gewissen wohl kaum verkraftet. Das Gefühl, meinen Stadtteil, die Menschen hier, meine Kollegen an der Arbeit, die Politik, mein Lebenskonzept in der Stadt verraten und im Stich gelassen zu haben, war und ist belastend genug. 1 ganze Woche habe ich gelitten wie ein feiger Hund, der nicht gebellt hat, sondern mit eingekniffenem Schwanz davon gelaufen ist. Irgendwann wurde die Stimme des Gewissens leiser. Die Vorzüge unseres Exils mit unserem Kleinkind mitten im Dorf mit Haus, Garten, Wiesen und Wald liegen klar auf der Hand. Sie blüht hier förmlich auf und hat alle Freiheiten, die sie in diesen Zeiten nur haben kann. Und wir, ehrlich gesagt, auch. Corona ist hier Thema, auch hier kaufen die Leute mit Schutzmasken ein. Aber ansonsten bewegen sie sich frei. Cafés und Geschäfte, die geschlossen haben, gibt es hier sowieso nicht. Es gibt also kaum etwas was man vermissen würde. Außer Klopapier.

    Meine Schwester, die in Berlin lebt, sucht jetzt nach einem Bungalow in Thüringen als Rückzugsort und für die nächste Krise. Für alle Fälle… Ich nicht, ich kann mir nicht vorstellen, alle 3 Wochen aus Hamburg raus zu fahren ins Ferienhaus im Wald. Ich bin glücklich in Hamburg, vor allem in St. Georg. Wir fahren Anfang Mai zurück und wählen unsere Laube in Finkenwerder als Rückzugsort. Ich muss wieder vor Ort für meine Klienten an der Arbeit sein. Ich freue mich darauf, zurück zu kommen und wieder Verantwortung zu übernehmen, habe gleichzeitig aber auch etwas Angst vor dem Anblick meines St. Georgs, das ich unangetastet verlassen habe und von dem ich keine Ahnung habe wie es jetzt aussieht und wie es sich anfühlt.
    Arbeiten und Homeoffice mit Kleinkind kommt auf die Angst obendrauf. Keine Ahnung wie gut das ohne Omas und Opas Hilfe geht. Es wird deutlich schwieriger, das ist klar. Andere Eltern schaffen das auch und sie hatten nicht das Glück, 7 Wochen mit der Familie zu verbringen, Ostern gemeinsam zu feiern, jederzeit Hilfe von 4 weiteren Händen zu haben. Diese Zeit war ein Geschenk, wenn auch ein Verbotenes. Ich bin Bewährungshelferin und kenne mich mit Verboten aus. Dieses Mal war ich es, die gegen gesellschaftliche Regeln verstoßen hat. Meine Kosten-Nutzen-Analyse ist zugunsten der Sicherheit und Freiheit und damit pro Regelverstoß ausgefallen. Vielleicht kann ich mit dieser Erfahrung in der Klientenarbeit noch was anfangen. 🙂

  25. 17.4. (13)
    Liebes Tagebuch,
    vor zehn Tagen war ich heimlich einkaufen. Ich hatte mich frühmorgens aus dem Haus geschlichen, immer mal wieder einen Blick nach hinten geworfen und inständig gehofft, dass mich niemand sieht. Schon gar nicht die NachbarInnen, die seit Wochen gelegentlich oder regelmäßig Besorgungen für mich machen. Das Verhalten mag Außenstehenden sonderbar erscheinen, aber ich habe dafür eine wissenschaftliche Erklärung: Corona wirkt nicht nur in direktem Kontakt sondern auch auf mehr als zwei Meter Abstand. Es sorgt dafür, dass sich die Synapsen im Großhirn vertüddeln. Genau. Plötzlich fängt man an zu grübeln, zerbricht sich den Kopf, beginnt zu zweifeln. Ich frage mich: Ist es in Ordnung, sich von den MitbewohnerInnen über einen längeren Zeitraum das Lebensnotwendige anliefern zu lassen und dann kurz mal wieder auf Selbstversorgerin umzuschalten und munter wie ein junges Reh zum Supermarkt zu hüpfen? Auf einmal ist sie da, die klassische Frage: „Was werden die Nachbarn denken?“ Fühlen sie sich von mir getäuscht, weil ich ja noch ganz prima auf meinen eigenen Beinen stehe? Irgendwie komme ich mir vor wie eine Betrügerin. Als würde ich es mir in einem Rollstuhl bequem machen ohne gelähmt zu sein. Ganz schön heftig, solche Gedanken!
    Dabei wummert es doch unentwegt von allen Seiten, dass unsereins, also die Älteren, zuhause bleiben sollen. Dass sich die Jüngeren um uns kümmern sollen. Dass wir damit alle der Volksgesundheit dienen. (So hätte man das früher ausgedrückt, heute ist die Sprache feiner). Und schon geraten meine armen Synapsen erneut in Wallung und produzieren die ketzerische Idee, dass ich ihnen, also den Jüngeren ja in gewisser Weise sogar einen Gefallen tue, wenn sie sich um mich kümmern. Schließlich biete ich ihnen die Möglichkeit, Pluspunkte auf ihr Karma-Konto zu buchen. Wer anderen hilft, hilft auch sich selbst und verschafft sich damit ein Wohlbefinden. Auch im nächsten Leben. Zudem ist das Einkaufen wohl noch als zumutbare Hilfestellung einzuordnen, kann quasi nebenbei erledigt werden. Nicht zu vergleichen mit Körperpflege oder so Sachen. Nix Ekliges! Wenn ich jetzt einfach aussteige und mich – vorübergehend! – ihrer Fürsorge entziehe, werden die Punkte vielleicht von unsichtbarer Hand wieder abgezogen. Keine Ahnung, ob das so läuft, ich bin in der Karma-Thematik nicht so bewandert, aber ganz auszuschließen ist es nicht und könnte nachbarlicherseits für Unmut sorgen. Das möchte ich auf gar keinen Fall!
    So verheddern sich die Gedanken, wenn man zuhause sitzt und ins Grübeln kommt. Und deshalb, liebes Tagebuch, schnappe ich mir jetzt meinen Hackenporsche und mache mich auf den Weg zum Supermarkt. Hoffentlich sieht mich dabei niemand!
    NACHTRAG:
    Kürzlich habe ich meiner Freundin F. mein Problem anvertraut. Ihr geht es ähnlich. Sie sagte: „Es ist ja nicht so, dass ich nicht ab und zu spazierengehe, manchmal sogar in Begleitung, aber irgendwie fühlt sich das so luftig an – luftig, nicht lustig! – so gar nicht nachhaltig, so substanzlos. Richtig gut finde ich einen Spaziergang erst, wenn ich wortwörtlich etwas mit nach Hause bringen kann, und da bietet sich ganz klar das Einkaufen an. Früher war das nicht so, aber seit dieses Virus regiert…“

  26. Wirklich seltsame, nachdenklich stimmende, mal animierende, mal bedrückende, auf jeden Fall irgendwie anders verlaufende Tage, an denen
    * in St. Georg rund 80 bis 100 Geschäfte seit drei Wochen geschlossen sind und ich mir Sorgen mache, ob wir zum Herbst eine andere Ladenstruktur haben werden, weil die geliebten „kleinen“, inhabergeführten Geschäfte dann endgültig weggebrochen sind;
    * hier so viel angenehme Ruhe herrscht wie seit langem nicht:
    * nach 20.00 Uhr sowohl die Lange Reihe als auch, etwas später, der Steindamm wie ausgestorben wirken;
    * ich aber auch voller Freude erlebe und beobachte, dass meiner Meinung nach viel mehr Eltern und ihre Kinder im geschützten Innenhof wie z.B. zwischen dem Hansaplatz und dem Kirchenweg miteinander spielen, Zeit verbringen, Sport treiben;
    * zumindest mir der Ärger hochsteigt, wenn ich sehe, dass Sitzbänke oder einzelne Spielgeräte mit einem Flatterband abgesperrt sind und bei deren Nutzung Bußgelder in empfindlicher Höhe drohen – so ein Blödsinn, denke ich mir diesbezüglich oft;
    * genauso fragwürdig eine kleine Kundgebung auf dem Steintorplatz gegen die Zerstörung des Lampedusa-Zelts von der Polizei aufgelöst wird, obwohl die 20 DemonstrantInnen lediglich mit einem Forderungsplakat ausgestattet sind, einfach nur da und im ordnungsgemäßen Abstand von zwei Metern stehen, selbstverständlich mit Atemschutzmaske – ganz im Gegensatz zu den PolizistInnen übrigens, die das offenbar nicht nötig haben;
    * kein einziger Kneipen- oder Gaststättenbesuch drin war und absehbar ist (aber am Tag danach, da wird groß ausgegangen!);
    * es kaum längere Zusammentreffen mit Menschen gab, und wenn, dann über zwei Meter Entfernung;
    * selbst vertraute FreundInnen ohne Umarmung und auf Distanz bleiben;
    * ich so viel zuhause und am Schreibtisch sitze wie seit Jahren nicht mehr;
    * ich jedoch langsam auch Probleme bekomme, weil mein PC Ausfallerscheinungen zeigt und die Druckerpatronen zu Ende gehen;
    * ich aber auch mit meiner Frau so viel Spaziergänge unternehme, alltäglich wohlgemerkt, dass es nunmehr im zweiten Monat auf täglich 12.000 Schritte hinausläuft und sich darüber Ecken erschlossen haben, die uns bisher ganz unbekannt waren;
    * wir feststellen mussten, wie wenige öffentliche Klos es in dieser Stadt gibt, um die ganze Außenalster herum beispielsweise nur eines an der Krugkoppelbrücke (und das war blöderweise, weil angedockt an eine Kneipe, auch noch geschlossen), dass aber bisweilen aufgestellte Dixi-Klos für die Bauarbeiter so manches Mal Rettung in letzter Minute brachten;
    * der Eindruck reifte, dass Bauarbeiter überhaupt die besseren Menschen sind, denn sie ließen sich auf all den Baustellen erkennbar nicht von der ganzen Hysterie unter Druck setzen;
    * ich regelmäßiger denn je zu Abend esse und schon morgens die Frage erörtere, was wir uns denn heute machen – und was wir gerne noch einkaufen müssen;
    * nach dem Abendessen das Fernsehprogramm von erheblich größerer Bedeutung ist als bis Anfang März 2020;
    * ja auch keine einzige Sitzung stattfindet, kein Beirat tagt, kein Theaterbesuch angesagt ist, nichts von alledem – und an denen – bis auf die Geburtstagsdaten von FreundInnen – der Kalender so weiß und unbeschrieben bleibt, wie das eigentlich nur zum Jahresanfang der Fall ist;
    * der Mangel an Klopapier und Hefe erst wie ein Witz wirkte, mittlerweile aber zu düsteren Gedanken Anlass gibt;
    * ich so viele Telefonanrufe von Jüngeren bekommen habe wie nie;
    * die Stadtteilpolitik im Dornröschenschlaf weilt und Senat und Bezirksamt machen (können), was sie wollen, ohne dass das transparent ist, darüber diskutiert wird oder gar Widerspruch angemeldet werden kann;
    * nach Aussagen des einen Redaktionsmitglieds die „Lachenden Drachen“ weggehen würden „wie geschnitten Brot“ und nach dem Eindruck eines anderen und auch nach meinem persönlichen reichlich Ausgaben (z.T. allerdings auch in den geschlossenen Läden) liegen bleiben – was doppelt schade ist;
    * die Szene am Hansaplatz teilweise in herzergreifender Weise das Bier konsequent zwei Meter entfernt voneinander konsumiert;
    * Leute an mir vorbei gehen und trotz der auf mich oft genug albern wirkenden „Atemschutzmaske“ auch noch den Kopf seitlich wegdrehen;
    * ich mir aber auch Gedanken mache, vor allem auf den viel zu engen Wegen rund um die Außenalster, welche Partikelchen die vorbei hechelnden JoggerInnen oder auch RadfahrerInnen so absondern und wie weit das wohl streuen mag;
    * auch ich darüber sinniere, anfangs mehr, mittlerweile etwas weniger, zu einer der angeblichen „Risikogruppen“ zu gehören oder eben auch nicht;
    * ich wirklich voller Ehrfurcht und Dankbarkeit an die vor allem in den Krankenhäusern und SeniorInneneinrichtungen arbeitenden Menschen denke, die sich trotz des Mangels an Schutzausrüstung täglich den Herausforderungen stellen – danke, liebe KollegInnen im Krankenhaus St. Georg;
    * ich aber auch manches Mal vor mich hingrummele, wenn ich bei einer Bäckereiverkäuferin sehe, mich noch ermahnend etwas Abstand zu halten, dass sie mit einem Schrubber hantiert, dann mein Brot einpackt und auf meinen kritischen Hinweis, dass mir diese Kombination nicht behagt, meint, sie würde doch auf einer Seite einen Gummihandschuh tragen;
    * ich Tag für Tag Abendblatt, Mopo und taz für ein mögliches Seminar zum Thema Seuchen/Infektionen in der Geschichte im nächsten Jahr aufbewahre, erst mit der Vorstellung, nur zu sammeln, was direkt zu Corona & Co kommt, inzwischen mit der Erkenntnis und dem Ergebnis, in den letzten vier Wochen quasi sämtliche Ausgaben komplett aufbewahrt zu haben, weil aber auch auf jeder Seite dieser drei Gazetten etwas zum Thema stand;
    * das Wetter überwiegend so schön ist, dass man sich eigentlich klimakritische Gedanken machen sollte, aber doch nur Freude empfindet, wenn es morgens nicht gleich düster und regnerisch los geht, sondern einen die Sonne strahlend empfängt;
    * ich oft darüber grüble, was dieses Scheißvirus wohl mit mir, mit uns, den Menschen und der Gesellschaft macht – allemal, wenn ich schon von ersten Denunziationen erfahre;
    * mir aber auch die Frage durch den Kopf geht, warum in den USA zuletzt 2.000 Menschen täglich gestorben sind, das Zehnfache dessen, was in ganz Deutschland an Opfern zu verzeichnen ist, und das, obwohl in unserem Land die Ökonomisierung und Privatisierung der Krankenhäuser für massive Einschnitte beim Personal und der Bettenzahl gesorgt haben;
    * die bange Frage auftaucht, wie lange dieser ganze Mist noch währt, wobei ich zugleich auch dem Hamburger Oberpathologen Püschel folgen kann, der meinte, wir müssten mit solcherart Krisen umgehen und leben lernen;
    * ich auf diesem EV-Forum gerne viel mehr Stimmen lesen bzw. vernehmen würde, um die bedrückenden Seiten der Coronakrise besser verdauen zu können…
    Micha

    P.S.: Da gibt’s bestimmt noch viel mehr Aspekte, aber diese sind mir schon mal spontan eingefallen.

  27. Hallo in die Runde …
    heute berichtete mir Karla, dass die Schneiderei hier in unserer Danziger Straße (gegenüber vom St. Marien-Dom), Masken aller Couleur näht und für 5 EUR verkauft.
    Die lieben Schneidersleut‘ haben täglich 9–19 Uhr und am Sa. 9–14 Uhr geöffnet.
    Falls jemand noch keine, ihm gefällige, ergattert hat 🙂

    Liebe Grüße und Wünsche … Jana

  28. Ausstellung von Ute & Werner Mahler

    Hallo in die Runde …
    die Kunsthalle Rostock hat so eine schöne Ausstellung von Fotografien eines Rostockere Ehepaares. Ute Mahler hat damals viel für Modezeitschrift „Sibylle“ gemacht … mit ihrem ganz eigenen Blickwinkel 🙂
    Da ja nun auch diese Ausstellung frühzeitig geschlossen wurde und dann später leider nicht verlängert, gibt es für den vituellen Rundgang einen Link. Man kann sich jede Wand gerade ziehen und auf den Punkten wird dann Name und Datum sichtbar.
    Sie ist unbedingt ein interessantes Zeugnis der DDR-Geschichte.
    Vielleicht möchtet ihr ja auch mal draufluschern:

    https://my.matterport.com/show/?m=tFRhjZfPYcf

    Herzlichste Grüße aus der Danziger … Jana 🙂

  29. Hallo alle zusammen,
    hier am Hansaplatz hat sich, bei dem schönen Wetter, das Leben fast wieder so eingespielt wie es vor der Krise war. Man steht relativ dicht zusammen, erst wenn die Polizei zur Kontrolle kommt, geht man ein Stück auseinander. Das Couriosa hat tagsüber geöffnet und man kann sich Essen bringen lassen oder auch aus der Tür abholen. Alle Gaststätten haben ihre Sommermobilierung draußen gestapelt und so mancher Stammkunde gönnt sich einen Augenblick Pause mit einem Kaffee to go auf den Stuhlstapeln. Ein Notarztwagen steht an der Ecke zur Bremer Reihe und die Linden knospen so vor sich hin und wagen schon ein Hauch von Grün. Die Litfaßsäule kündigt weiterhin Veranstaltungen an, die nicht stattfinden werden. Alle Poller sind mit Menschen besetzt. Die Traumzeit hat geschlossen und wie ich gehört habe wird sie auch nicht wieder öffnen. Die Einrichtungen auf der Hansaplatzseite 8 – 10 haben alle geschlossen. Gegenüber auch die ein oder andere Kneipe, wie die Windstärke 11, wo morgens um 6 Uhr immer die Gäste mit entsprechendem Lärm die Kneipe verlassen haben, so dass wir senkrecht im Bett standen. Das fehlt uns nicht und könnte so bleiben. Mike the bike habe ich an der Alster entdeckt, wo er es sich mit einem Zelt ganz gemütlich macht und weiter Hof hält. Der ein oder andere hat den Hansaplatz also auch verlassen. Abends um 21 Uhr wird geklatscht und die Hansa schaut wie seit über 100 Jahren auf uns herab. Eigentlich sieht alles friedlich und gemütlich aus.
    Karla

  30. … es ist, als stündest du vor einer Mauer :
    du siehst, wie sie täglich – wöchentlich…
    zerbröckelt und du willst sie kitten, aber es nützt nichts! Sie zerfällt trotzdem langsam —
    weil das in der Natur der Sache liegt : das Älterwerden“.
    mir geht es ganz genau wie Gabriele. Auch ich gehöre zur Risikogruppe! Aber, das ist mir doch sowas von egal ! Nein – ich bin ganz sicher nicht leichtsinnig. Schon allein das Tragen einer Mund-und Nase Maske vermittelt das Gefühl des „krankseins“. nee!
    Natürlich trage ich eine Maske in geschlossenen Räumen, aber ich will wenigstens meine Einkäufe selbst erledigen,
    will mich einbringen, nachbarschaftliche
    Hilfe leisten, wo/wie es immer mir möglich ist.
    Bei der Gelegenheit, Flyer für nebenan. de
    zu verteilen, komme ich gleichzeitig zu meinem Spaziergang, treffe Leute, mit denen
    ich quatschen kann (2meter Abstand!) und lerne auch noch St. Georg ganz neu kennen.
    Liebe Gabriele, solange wir uns fit genug fühlen, uns gesund ernähren und geistig aktiv sind, ist alles paletti.
    Liebe Grüße Monika

  31. 8.4. (12)
    Liebes Tagebuch,
    hier in unserem Wohnprojekt bin ich die Zweitälteste, und das heißt in diesen Zeiten: Risikogruppe. Ein schreckliches Wort! Dabei kann ich mich über mangelnde Hilfsangebote der Nachbarinnen und Nachbarn nun wirklich nicht beschweren. Zuerst habe ich mich allerdings schwer getan, sie anzunehmen. Erstens, weil ich mich dadurch plötzlich in die Riege der Gebrechlichen einsortiert fühlte und zweitens überhaupt. Ich trete zwar immer vehement dafür ein, dass auch die Alten und Schwachen in unserer Gesellschaft ihren Platz haben müssen, dass es doch keine Schande ist, wenn man nicht mehr so mithalten kann, weil es ja der Mensch als solcher ist, der zählt und nicht seine Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Effizienz. Undsoweiter, undsofort, blahblah, Humanismus, Wertegemeinschaft, der ganze Kram eben. Du verstehst schon. Nur: selbst will ich auf keinen Fall hilfsbedürftig dastehen, schon gar nicht in den Augen anderer. Das wäre mir peinlich. Bin halt sozialisiert in der „Leistungsgesellschaft“, die Ideologie sitzt tief. Andererseits will ich mir aber auch keine Lungenentzündung einfangen, wo ich schon beim letzten Schnupfen das Gefühl hatte, ich überleb’s nicht. Also habe ich mir in Erinnerung gerufen, was wir in unserer St. Georger Altengruppe seit Jahren besprechen. Dass es nämlich ein Zeichen von Souveränität und Erwachsensein ist, wenn man um Hilfe bitten und sie – wichtig! – auch annehmen kann. Nicht groß rumdrucksen sondern klar und deutlich sagen, was man braucht. Das erleichtert das Leben ungemein, für alle Beteiligten. Da muss man noch nicht einmal das große Wort Solidarität bemühen. Ist einfach eine Frage der Mitmenschlichkeit, nein, der Menschlichkeit schlechthin. Hat es schon immer gegeben und wird es immer geben, egal, was die Ideologie einem weißmachen will. Mit solchen Fragen beschäftigen wir uns in unserer Gruppe. Jetzt bietet Corona, so habe ich mir gut zugeredet, die ideale Gelegenheit, das Gelernte in der Praxis zu üben. Das tue ich nun also, das Üben, mehr oder weniger unfreiwillig seit zwei, drei Wochen und würde zu gerne wissen, wie es anderen damit geht. Mal ganz ehrlich: Wie fühlt sich das an, wenn die volle Einkaufstüte vor der Tür steht? Super, ich brauche mich um nix zu kümmern, vielen Dank und alles paletti? Oder macht die Abhängigkeit eher schlechte Laune? Ist überhaupt genügend Hilfe im Angebot, auch jetzt noch, da sich die Krise hinzieht? Oder wird’s damit langsam mau? Welche Erfahrungen gibt es, positive und negative, mit sich selbst und mit anderen? Funktioniert diese Hilfe-Sache auch in die Gegenrichtung? Unsere Älteste hier im Projekt spielt zum Beispiel mit einer noch Älteren, um die sie sich kümmert, Zitate-Raten am Telefon. Mit mir hat sie es schon mal ausprobiert, und es hat bestens funktioniert. Wir hatten beide unseren Spaß. Andererseits: Wieviel Kraft kostet es, sich täglich neu zu motivieren?

  32. Während der Corona-Zeit verschicke ich jeden Tag eine Zusammenstellung vor allem aus hamburgbezogenen Dokumenten an die Mitglieder des Einwohnervereins und etwaige FreundInnen drum herum. Wer den Newsletter für die nächsten Tage oder Wochen (?) beziehen möchte, mag sich melden. Das ist aber bisher immer eine ganz schöne Packung gewesen…
    info@ev-stgeorg.de
    Im Übrigen wird der nächste „Lachende Drache“ natürlich den Schwerpunkt „St. Georg in den Zeiten von Corona“ haben. Die Redaktion ist sehr interessiert an Erlebtem, Kritisiertem, Vorwärtsweisendem…

  33. 5.4. (11)
    Liebes Tagebuch,
    vorgestern riefen mich Leute aus der Nachbarschaft an und fragten, wie es mir gehe. Offenbar sei es ja nicht gut um mich bestellt, weil ich mir Sorgen mache um meine Gesundheit und um unser Krankenhaus hier unten an der Ecke, sogar um Massenkarambolagen und Atom-Unfälle. Das hätten sie meinem letzten Tagebucheintrag entnommen. Es sei ja schrecklich, wie Corona mir aufs Gemüt schlage, und ich solle doch nicht so schwarzmalen. Ich habe versucht, sie zu beruhigen.
    Mit dem Tagebuchschreiben hat es nämlich so seine Bewandtnis. Auf dem Weg vom Kopf in den Computer nehmen die Gedanken ihre eigene Form an. Eben waren es noch ganz schlichte Wörter, aber kaum setzen sich die Finger auf der Tastatur in Bewegung, machen sie sich selbständig. Keine Ahnung, wie das funktioniert. Manche übertreiben heftig und schmücken sich ohne um Erlaubnis zu fragen mit Adjektiven, die mir im echten Leben nie und nimmer einfallen würden. Manche verkleiden sich mit Spott und Ironie, und manche tun so, als seien sie überhaupt nicht mit mir verwandt. Ich passe höllisch auf, dass sie keine Lügen erzählen, schließlich ist das hier ein Tage- und kein Märchenbuch. Das heißt aber auch, dass es sich nicht um objektive Berichte, Agenturmeldungen oder amtliche Mitteilungen handelt.
    Es gibt allerdings Themen, da vergeht den Wörtern die Spielfreude, da werden sie ganz ernst und klein und hilflos und wissen nicht, wie sie ehrlicher Betroffenheit angemessen Ausdruck verleihen sollen. Ja, das kommt auch vor. Die Beschäftigung mit meiner eigenen Person gehört allerdings nicht zu diesen Themen. Da dürfen sie ruhig ihre Späße treiben und mir auf der Nase rumtanzen, wenn ihnen danach ist. Das erlaube ich ihnen übrigens auch bei denjenigen, die auf unterschiedlichen Feldern die Macht haben, Entscheidungen über uns „hier unten“ zu treffen. Auch und gerade in Krisenzeiten. Deshalb, liebes Tagebuch, soll es dabei bleiben: Solange sie sich halbwegs anständig verhalten, lasse ich den Wörtern ihre Freiheit und freue mich, wenn sie mich hin und wieder überraschen.

    3.4. (10)
    Liebes Tagebuch,
    bei meinen Spaziergängen rund um St. Georg tue ich mich immer noch schwer, keine Abneigung gegen die Leute zu empfinden, die mir zu zweit oder zu dritt entgegen kommen und bräsig ihren Weg ohne Ausweichmanöver fortsetzen. Und von wegen freundliches Lächeln, wenn ich meinerseits einen Bogen um sie mache… Schwamm drüber. Aber der Mensch muss sich zu helfen wissen. Deshalb habe ich mir gestern einen Weg ausgesucht, bei dem die Gefahr, Fußgängern zu begegnen, denkbar gering ist. Achtung, Geheimtipp: die Sechslingspforte. Herrlich! Links rauscht der Verkehr vorbei, aber wen kümmern in diesen Zeiten schon Autos. Ah! Der ganze Bürgersteig für mich allein; vor, hinter und neben mir keine Menschenseele, keine unerwünschten Kontakte, einige hundert Meter nichts als beruhigende Leere. Wun-der-bar! Allerdings auch keine Ablenkung durch blühende Bäume oder schöne Altbauten oder lustige Gartenzwerge in Vorgärten. Deshalb gibt‘s wenig Möglichkeiten, sorgenvollen Gedanken zu entkommen.
    Ja, und dann erwischten sie mich, die Sorgen, genau in dem Augenblick als ich an der Zufahrt zu Asklepios vorbei kam. Ich begann zu grübeln: Wird das Krankenhaus einigermaßen heil durch die Krise kommen? Wird es überhaupt überleben? Konnte ja keiner ahnen, dass auch wir es mal mit einer Epidemie zu tun bekommen würden und nicht nur die Menschen dahinten in Afrika oder Asien. So wie keiner ahnen kann, dass möglicherweise Massenunfälle, Havarien von Industrieanlagen mit hunderten Verletzten oder GAUs in Atomkraftwerken passieren können. Logisch, dass das Geschäftsmodell von Privatkliniken wie Asklepios sowas denn auch nicht in Betracht zieht. (Bei den staatlichen Kliniken sieht’s im Grunde nicht anders aus, denn auch sie unterliegen seit Einführung der Fallpauschalen betriebswirtschaftlichen Gesetzen.) Leere Betten und ungenutzte Apparate auf Vorrat? Da sträuben sich doch jedem Verwaltungsdirektor die Haare! Von den Pflegekräften gar nicht zu reden… Armes Asklepios, dachte ich, wie kommst Du jetzt klar? Plötzlich sollst Du teure Geräte für Corona-Kranke anschaffen und gleichzeitig alle aufschiebbaren OPs zurückstellen um Kapazitäten vorzuhalten. Ein doppelt schwerer Schlag. Dabei sind es doch gerade die Hüften und Knie und Bandscheiben, die richtig Geld bringen! Wie soll das nur enden?
    Beklommen trat ich den Rückweg an. Gibt es Rettung in dieser düsteren Situation? Zu Hause angekommen, begann ich im Internet zu suchen. Die Börsennachrichten (!) brachten dann Entwarnung. Gott sei Dank, unser Gesundheitsminister hat versprochen, die „Einnahmeausfälle zu kompensieren“. Ich nehme mal an, nicht aus eigener Tasche. Egal, der Bundesverband der privaten Krankenhäuser bedankt sich jedenfalls ausdrücklich, auch dafür, dass die Regierung unbürokratische Hilfe bei neuen Anschaffungen garantiert. Nochmal Glück gehabt!
    Jetzt frage ich mich: Wenn die privaten Krankenhäuser der ureigenen Aufgabe von Krankenhäusern, nämlich der Daseinsvorsorge im Gesundheitsbereich aus eigener Kraft nicht nachkommen können oder wollen – warum übernehmen die Kommunen sie dann nicht wieder selber?

  34. Hallo ihr Lieben …
    es wird wahrscheinlich eh schon teilweise gemacht … aber wir kamen erst heute drauf.
    Die Flaschen-vor-die-Tür-Idee … Leergut, möglichst im Karton wegen Umfallschutz 🙂
    Leider sind nicht nur die Straßen leer … die Müllbehälter ja auch. Wir trafen gestern auf eine Flaschensammlerin, die nirgends etwas fand und wir ihr dann Geld gaben.
    Die Flaschen vor unserer Tür sind ständig sofort weg.
    Herzliche Grüße hier aus der der D44 … Lars & Jana 🙂

  35. Liebe Jana,
    auch ich lese seit Tagen die Reportagen und Meldungen über die katastrophale Lage der Obdachlosen. Im Gegensatz zu Dir hat mich das in einen Zustand der Starre versetzt, ich wusste überhaupt nicht, was zu tun sei und habe folglich auch nichts getan. Und dann kamst Du. Hast Dich umgehört, `rumtelefoniert, vernetzt, Informationen, die Ina schon gesammelt hatte, aufgenommen, gemailt und geposted und – wie es so Deine Art ist – gleich ein Plakat dazu gemacht. Jana, Du bist `ne Wucht!

  36. Hallo in die Runde.

    Auch ich, wie viele andere, mache mir in diesen Zeiten Gedanken um die Menschen auf der Straße, die ja dort nun gar keine Hilfe mehr erwarten können.
    Ina schickte die Info herum, das der Hamburger Verein strassenBLUES e.V. eine Online-Sammlung auf einer Spendenplattform installiert hat:
    Gelder und eine warme Suppe verteilen Sie dann direkt vor Ort.
    Ich telefonierte mit ihnen und finde … super Aktion. Deshalb machte ich große Plakate für drei Stellen in St.Georg und A6-Flyer. In den nächsten Tagen kommen die Drucksachen und die Flyer stecken dann an meinem Gitter … gerne auch einfach ein paar mitnehmen und weiter geben.
    Wer kann und mag … gebt doch bitte eure Spende dort online:
    http://www.strassenspende.de

    Auch mit Hinz&Kunzt sprach ich … sie haben jetzt einen „Corona-Verkäuferfonds“ eingerichtet und die aktuellen Ausgaben erscheinen online.
    Wer dort lieber helfen mag und kann, schaut mal auf ihrer Website vorbei: http://www.hinzundkunzt.de

    Wem die Sexarbeiterinnen St.Georgs aber mehr am Herzen liegen … ganz sicher sind auch hier Spenden jetzt noch mehr notwendig und willkommen als je zuvor:
    http://www.sperrgebiet-hamburg.de

    Und sonst … lasst euch nicht unterkriegen und passt auf euch auf.
    Liebe Grüße aus der Danziger und bis bald … Jana 🙂

  37. 1.4. (9)
    Liebes Tagebuch,
    Es gibt da draußen gerade eine große Sehnsucht nach Versöhnung, habe ich kürzlich gelesen. Und tatsächlich, nachts träume ich jetzt manchmal von vergangenen Lieben und wache dann mit einem friedvoll-versöhnten Gefühl auf. Das ist schön und kann von mir aus gerne so weiter gehen. (Es sei denn, S…, du Lump, wagst es, dich in meine Träume zu schleichen!!)
    Krisen und Katastrophen haben viele Aspekte, manchmal setzen sie erotische Energien frei. Im Internetmagazin 54books.de schreibt ein Johannes aus Bonn sinngemäß:
    ‚Fast scheint es eine menschliche Grundkonstante zu sein, dass man mit bedrohlichen Situationen seinen sexy Schabernack treibt‘. Darunter die Phantasie eines gewissen DaxWerner:
    „Wenn man in den Himmel kommt, sieht man einen Mann mit Wuschelhaaren vor einer Leinwand stehen, er malt einen idyllischen kleinen See mit Jägerhäuschen vor
    Alpenpanorama.
    Der Mann dreht sich zu Dir um: Es ist Prof. Dr. Drosten.“

    (Falls es an IRGENDJEMANDEM in Norddeutschland vorbei gegangen sein sollte: Das ist der tägliche NDR-Virologe aus Funk und Fernsehen).

  38. 31.3.(8)
    Liebes Tagebuch,
    vorhin habe ich im Fernsehen einen kleinen puscheligen Hund gesehen, der mit seinem Frauchen beim Tierarzt war, weil er vielleicht eingeschläfert werden sollte. Ich habe Rotz und Wasser geheult! Danach las ich im Abendblatt einen Artikel über ein uraltes Paar aus dem deutsch-dänischen Grenzgebiet, das sich jeden Tag trifft. Er auf der einen Seite des Schlagbaums und sie auf der anderen. Näher können sie sich wegen Corona nicht kommen. Oh mein Gott, ich halt’s nicht aus! So viel Liebe! Sie bringen sich Klappstühlchen mit und prosten sich mit Kaffee und Grog zu. Das fuhr mir direktemang ins Herz. Mir schießen immer noch die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke! Kein Zweifel, ich werde immer dünnhäutiger, je länger die Krise dauert. Vielleicht sollte man eher sagen: durchlässiger. Was sonst bei den Aktivitäten des Tages gar nicht richtig an mich heran kommt, geht jetzt ungefiltert durch mich hindurch. Mein Ärger über blöde Kleinigkeiten fühlt sich riesengroß an, glücklicherweise nimmt mein Gehirn aber auch jeden Anlass zur Freude dankbar entgegen. Mit Statistik, Prognosen und den neuesten Verordnungen will es nur in streng rationierten Portionen gefüttert werden, und an seelischer Erschütterung erträgt es auch nur ein abgewogenes Quantum. Wenn es zu viel wird macht es dicht und verlangt nach leichter Kost. So begab es sich, dass ich mich tatsächlich eines Sonntags Mittag um 12 Uhr vor der Glotze beim Betrachten eines Märchenfilms wiederfand. Es gab Schneeweißchen und Rosenrot, ordentlich bunt, wie es sich gehört, mit schönen Menschen in schöner Umgebung. Und wer spielte den König? Ich musste zweimal hinschauen, dann hatte ich’s. Der Dienstags-Abend-21 Uhr-ARD-Dr. Heilmann aus der Sachsenklinik! He himself mit lustiger Perücke. Die Gucker von deutschen Krankenhaus-Serien werden wissen, von wem ich rede. Oder wahrscheinlich eher die Guckerinnen – ich glaube, das ist mehr so ein Frauen-Ding. Ich war begeistert und zwar anhaltend. Den ganzen restlichen Sonntag lang. Normal ist das nicht. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten!

  39. Habe mich heute mit Mehmet Simsit zum Gespräch getroffen. Im Vor-Ort-Büro, das zwar für die Öffentlichkeit geschlossen, aber durchaus als Treffpunkt für kleine Meetings geeignet und verfügbar ist. (Wer einen Termin braucht: 0170 2166161) Ich habe Mehmet gefragt, wie sehr ihn als Gastwirt die Schließung seiner beiden Kneipen trifft. „Das trifft mich sehr hart!“ sagt er und „länger als bis Ende April kann ich das kaum durchhalten.“ Er hat bereits am 15.3. Kurzarbeit für seine Mitarbeiter eingeführt und entsprechende Mittel bentragt. Es gibt eventuell weitere Möglichkeiten staatlicher, finanzieller Unterstützung. Das ist aber nicht das einzige Problem. „Als wir schließen mussten am 15. bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Plötzlich nicht mehr arbeiten gehen, kaum Kontakte, Langeweile – macht alles kein Spaß!“ Zum Glück hat er seit ein paar Wochen zusammen mit Ehefrau Liliana das Glück, die zwei Adoptivkinder aus Rumanien endlich bei sich zu haben, zwei Mädels, 7 und 10, die sich freuen, hier zu sein, trotz Corona, und werden, wenn die Pandemie vorbei ist, in die H.-Wolgast-Schule gehen… Mehr davon im nächsten Lachenden Drachen.

  40. 30.3. (7)
    Liebes Tagebuch,
    in gebildeten Kreisen wurde schon vor Wochen als „Buch zur Krise“ Albert Camus‘ „Die Pest“ empfohlen. Vor ein paar Tagen habe ich in meinem Regal ein altes Exemplar aus der Schulzeit gefunden. (Mal eben nebenbei: Wieso heißt es eigentlich immer „in meinem Bücherschrank“? Ich kenne niemandem mit einem Bücherschrank, nur Leute mit Regalen…) Egal, jedenfalls habe ich mir den Camus nach all den Jahrzehnten wieder vorgenommen und bin – begeistert! Ich sehe überhaupt nicht ein, warum er als Roman für die Intellektuellen gehandelt wird. Die Geschichte ist in Form eines Berichts angelegt und wird ganz einfach erzählt. Genau darin liegt die Kunst. Ein Vergnügen! Als Kunstwerk wohlgemerkt. Das Thema ist natürlich nicht vergnüglich, und es weist ganz erstaunliche Parallelen zu unserer jetzigen Situation auf. Eine geheimnisvolle Lungenkrankheit bricht aus, und dann folgen alle Stadien des Verleugnens, langsamen Begreifens, der Panik, die Maßnahmen der Behörden… Alles, was wir zurzeit auch erleben.
    Aus der Schulzeit hängt mir immer noch die blöde Frage nach „Was will uns der Dichter damit sagen?“ Ich konnte es nicht lassen, habe gleich zu Anfang im Internet geblättert und erfahren, dass hinter der vordergründigen Geschichte eine Art Gleichnis steckt, inspiriert von Camus‘ Erfahrungen aus Krieg und Widerstand. Ok, wird schon stimmen und ist als Hinweis zum Weiterdenken ein nettes Sahnehäubchen obendrauf. Aber es würde auch ohne gehen, denn das Buch liest sich einfach toll, finde ich. Da gibt es die eine oder andere drastische Beschreibung der Krankheit, aber Camus suhlt sich nicht in Katastrophen-Phantasien. Die Figuren sind einfach menschlich, und man kann sie auch gut auseinander halten. Ja, ja, schon klar, das ist kein Maßstab für gute Literatur, in der Schule hätte es für diese Argumentation eine 5 gesetzt. Aber ich tue mich ehrlich gesagt manchmal schwer, wenn das Personal in einem Roman zu zahlreich ist. In dem Fall pflege ich mir ein stichwortartiges Personenverzeichnis anzulegen. Das macht nicht viel Mühe und hilft ungemein. Das nur am Rande. Bei der „Pest“ ist es nicht nötig. Jürgen Wohlers hat übrigens noch ein paar Exemplare.

  41. Mir geht es weiterhin gut und ich versuche den Alltag so zu strukturieren, dass es bisher nicht langweilig geworden ist. Heute z.B. habe ich mich mit einer Freundin telefonisch zum Kaffee trinken verabredet. Jeder an seinem Telefon, aber Kaffee schlürfend und fragend, welchen Kuchen hast du denn da. Das war eine sehr nette Idee. Und genau diese Freundin schlägt auch vor, gemeinsam im Internet ein Konzert vom Ensemble Resonanz anzuhören und danach sich telefonisch auszutauschen, weil wir ja das gleiche Konzert gehört haben. Man muss erfinderisch sein, denn wir werden ja noch eine Weile mit so einem reduzierten Kontaktbereich auskommen müssen.

  42. 29.3. (6)
    Liebes Tagebuch,
    heute Morgen auf der Waage machte ich eine erschütternde Entdeckung: Die Krise macht dick. Wie kann das nur angehen? Alle Krisen, von denen ich bisher gehört habe, sind mit einem Mangel einhergegangen. Was ist das jetzt?? Ich habe sogleich einen besorgten Rundruf gestartet und siehe da, dieses Problem ist weiblicherseits allgegenwärtig. Jede Frau, mit der ich rede, beklagt sich darüber, dass sie zunimmt. Die Männer sehen das offenbar anders. Sie freuen sich über lecker Essen und machen sich figürlich nicht die geringsten Sorgen. Unerhört! Selten klaffte der gender gap, die Kluft zwischen den Geschlechtern, so tief! Unterdessen feuern die Medien aus allen Rohren Fitness-Tipps in die heimischen Wände. Bei so viel Engagement für die Volksgesundheit in Corona-Zeiten empfinde ich meine Willensschwäche doppelt beschämend. Das mit dem Selbst-Optimieren hat schon vorher nicht geklappt – und jetzt erst Recht nicht. Ich hab’s probiert, ehrlich, aber statt zu turnen hocke ich schon wieder vorm Computer und studiere Kochrezepte.
    Nun ja, mit der obdachlosen Frau auf der Langen Reihe habe ich mich diesbezüglich noch nicht ausgetauscht. Wie man hört, hat sie andere Probleme und ihr obdachloser Mann ebenfalls. Genauso die Drogenkranken vor dem Drob Inn hinterm Hauptbahnhof. Um die Kluft zwischen uns scheint es definitiv anders bestellt zu sein. Ich spare zwar noch für meinen zweiten Privat-Jet, damit ich mich eines Tages wie der Politiker Friedrich Merz zur gehobenen Mittelschicht zählen kann, aber auch so trennen uns schon Welten, die „Randständigen“ und mich. Bis jetzt jedenfalls. Und wo wir schon dabei sind: Was ist mit den BetreiberInnen der kleinen Läden und Kneipen im Viertel? So viel kann ich als Einzelne gar nicht Kaufen, saufen und lesen, als dass es ihnen über die Runden helfen würde. Es wird vermutlich viele Krisen-Verlierer geben. Ich frage mich: Wer mag wohl zum Schluss als Gewinner aus der ganzen Sache ´rauskommen?

  43. Ein seltsames Bild zeigt sich rund ums Drob Inn. Wie vor Wochen hält sich dort immer (noch) eine große Traube von 40 bis 80 Menschen auf, scheinbar „vergessen“ und sich selbst überlassen, ohne den hundertfach empfohlenen Abstand einzuhalten. Im Interesse der Gesundheit vor allem dieser Menschen, aber auch der KollegInnen des Drob Inn und aller anderen, müsste es Angebote, Hilfen, wenigstens irgendwelche Versuche geben, diese Situation zu verändern. Warum passiert seitens der Verantwortlichen offensichtlich nichts? Vielen (obdachlosen) DrogenkonsumentInnen würde es sicher helfen, für die nächste Zeit Hotelzimmer belegen zu können – jede/r eins für sich. Denn nichts ist so sicher, so wird uns tagtäglich eingehämmert, wie die eigene Wohnung – dann schafft bitte auch für jede/n eine solche Möglichkeit!

  44. 27.3. (5)
    Liebes Tagebuch,
    in den vergangenen Tagen gab es einen regen mail-Austausch über die Frage, ob der Supermarkt unten an der Ecke richtig handelt, wenn er es nicht zulässt, dass Mütter mit kleinen Kindern den Markt betreten. Die Diskussion hat mich belastet, teilweise war der Ton so schrill! Macht sich da jetzt bei den Nachbarinnen und Nachbarn aus St. Georg der ganze Frust und die Hilflosigkeit dieser Wochen Luft? Alle auf einen, der VIELLEICHT eine falsche oder diskussionswürdige Entscheidung getroffen haben mag. Das gefällt mir nicht. Viel bedrohlicher als die Entscheidung eines einzelnen Marktleiters finde ich die Lawine, die derzeit gesamtgesellschaftlich in den Medien losgetreten wird.
    Jetzt denken sie schon laut darüber nach, die „Alten“ wegzusperren. Meine Nachbarin hat mir gestern die Frankfurter Allgemeine vor die Tür gelegt mit einem Zitat von Christoph Lütge: Man müsste „gezielt diese Gruppe isolieren. Wir können nicht unser gesamtes Wirtschaftsleben an den Bedürfnissen von 75-Jährigen ausrichten.“ Die Jungen seien ja nicht so gefährdet durch das Virus, deshalb sollten sie schnell wieder zu Arbeit gehen und die Wirtschaft in Schwung bringen, schreibt er. Abgesehen davon, dass die Wirtschaft schon vor Corona in der Krise steckte, die Jungen also sowieso um Arbeitsplätze und vernünftigen Verdienst bangen müssen, erschreckt mich die Sprache. Was für eine Herablassung, was für eine Missachtung und Ausgrenzung liegt in diesem Zitat! Dabei ist der Mann laut Wikipedia nicht nur Ökonom sondern auch Philosoph mit Arbeitsschwerpunkt Wirtschafts- und Unternehmensethik. Was ist denn das für eine Ethik? Ich hatte sofort einen Film vor Augen: hohlwangige alte Leute, die gedrängt werden, sich möglichst unauffällig zu verabschieden, vielleicht mit einer gnädigen Spritze – und dann bitte die noch brauchbaren Organe spenden, aus Solidarität. Solidarität! So ein schönes Wort und so missbraucht. „Seid solidarisch, schützt die Alten“, beten sie seit Wochen auf sämtlichen Kanälen. Wie wär’s damit, endlich was gegen die Altersarmut zu tun? In keiner Bevölkerungsgruppen ist der Zuwachs an Armut so groß wie bei RentnerInnen und PensionärInnen. Wo bleibt da die Solidarität? Und wenn ich an all die ungesicherten Arbeitsverhältnisse denke, in denen die jungen Leute von heute leben, graust es mich. Wovon werden die später mal satt werden? Wo waren die Politiker solidarisch, als sie diese ganzen Niedriglohn-Jobs ermöglicht haben? Als „Alte“ erinnere ich mich daran, wie damals dieses Modell der „Ich-AG“ gefeiert wurde. Es ging darum, dass ein Arbeitsloser einen Zuschuss vom Staat erhielt, wenn er oder sie ein Einzelunternehmen aufmacht. Eine schlaue Agentur hatte diesen Namen erfunden und damit auch schon sprachlich klar gemacht, welche Perspektive angesteuert wurde: die der Entsolidarisierung. Ok, krasse Phantasie, das mit den Hohlwangigen und den Organen – habe ich vielleicht mal in einem dystopischen Film gesehen, aber die Richtung, in die es im Schatten von Corona gehen könnte, erschreckt mich. Das hat mir gestern echt den ganzen Tag vermiest!

  45. Liebe EVler,
    nach Informationen durch Mopo und später durch Mitglieder des Einwohnervereins, habe ich erfahren, dass einige von Euch einen Boykottaufruf gegen Edeka Niemerszein starten wollen.
    Als Mutter und Psychologin kann ich die emotionale Empörungswelle zwar nachvollziehen, als ehemalige Krankenschwester jedoch keineswegs.
    In meinen Augen handelt die Marktleitung völlig korrekt! Hier geht es in allererster Linie um MitarbeiterInnenschutz wie auch KundInnenschutz!
    Kleine Kinder kann man nicht auf Mindestabstände konditionieren und ebenso wenig verhindern, dass sie mal in die Regale oder ins Gemüse greifen. Das ist normal und nicht zu ändern und das hat mein Sohn im Kleinkindalter durchaus auch nicht verstanden.
    Darüberhinaus gibt es m.E. nach – auch für Alleinerziehende – genügend Möglichkeiten sich in Nachbarschaftshilfestrukturen zu organisieren, z.B. über nebenan.de oder einfach mal andere Mütter/Väter fragen, ob sie etwas mitbringen können. Momentan geht es darum andere zu schützen und vor allem auch die MitarbeiterInnen in den Supermärkten, Krankenhäusern und allen öffentlichen Einrichtungen, die schließlich für unsere Versorgung arbeiten. Übrigens: MitarbeiterInnenschutz und -rechte zu vertreten kann durchaus eine linke Position sein, auch wenn ich die Niemerszein nicht zugute halte.
    Daher: lieber einfach mal den Kopf einschalten, gelassen bleiben und nicht auf jeder Empörungswelle mitsurfen!
    Solidarische Grüße
    Angelika (seit 32 Jahren St. Georger Nachbarin)

  46. Hej, hier eine Stimme aus Göteborg.
    Wie die „Zeit“ richtig titelt: Die Welt steht still. Nur Schweden nicht!
    https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/coronavirus-schweden-stockholm-oeffentliches-leben
    Ich kann die Ausführungen und Einschätzungen des Autors voll umfänglich teilen aus meinem persönlichen Erleben, deshalb will ich nicht näher darauf eingehen.
    Ich bin heilfroh in einer Familie zu sein, in der die deutsche (!) Mutter verantwortungsbewußt gehandelt hat. Sie selber ist im Home Office, die beiden Kinder in der Schule krank gemeldet. Dies bedeutet nun allerdings auch für mich eine völlige Umstellung der ursprünglich angedachten Aufgaben. Ich bin jetzt, wenn die Mutter arbeitet, verantwortlich für zwei aufgeweckte und äußerst lebhafte Jungs, muss ihre Schulaufgaben beaufsichtigen und sie beschäftigen. Ade, du gemütliches Rentnerleben! Und meine große Hochachtung vor allem Lehrkräfte dieser Welt und vor allen Eltern im Home Office (Wort des Jahres?) !
    Und Dank an die Initiatoren dieser Platform! So bin ich jeden Tag meinem aktiven und kreativen Stadtteil St.Georg verbunden.
    Bleibt gesund und zuversichtlich, auch wenn es oft schwer fällt.

  47. Jetzt ist heute früh das Lampedusa-Zelt definitiv abgebaut worden. Begründung: Corona und Allgemeinverfügung. Nun erhärtet sich dann doch die Vermutung, dass die Pandemie ausgenutzt wird, um andere unliebsame Einrichtungen abzuschaffen, wofür man in normalen Zeiten heftige Kritik hätte einstecken müssen. Schon ärgerlich sowas!

  48. Ein herzliches Hallo in die Runde,

    nach einer ersten Schockstarre bei uns im SCHORSCH mit vielen
    Verunsicherungen nach der offiziellen Schließung (erstmal bis 30.4.) unserer Einrichtungsstandorte (SCHORSCH+ IFZ, Spielhäuser) für alle direkten Angebote mit Besucher*innenkontakten haben wir uns neu orientiert und aufgestellt.
    Im Rahmen von telefonischen/online Beratungs- u.
    Kontaktangeboten halten wir Kontakt zu unseren Besucher*innen und
    unterstützen, wenn irgendwie möglich in Krisensituationen. Zudem
    unterstützen wir die Kirchengemeinde bei weiteren Hilfsangeboten z.B. bei der Obdachlosenversorgung. Eine Reihe weiterer Überlegungen und Ideen befinden sich in der Planung.

    Dazu haben wir einen SCHORSCH Infoflyer erstellt (siehe auch auf unserer HP https://www.schorsch-hh.de/ ) und ein weiteres Infoblatt mit noch zusätzlichen Notfall- u. Kontaktnummern für Kinder, Jugendliche und Familien, es wird täglich ergänzt! Infos und Änderungswünsche dazu bitte an Anja (aus der Beratung SCHORSCH), beratung@schorsch-hh.de., dank euch!

    Zwei Reisen mussten wir leider nach Rückkopplung mit den
    Einrichtungen/Teilnehmer*innen, Trägern der Maßnahme und Fachbehörden absagen, einmal die Reise nach Bosau am Plöner See für Kinder- u. Jugendliche in den Maiferien und besonders schwer ist uns die Absage der großen interkulturellen Stadtteilfreizeit (ca. 220 TeilnehmerInnen) nach Sylt in der ersten Sommerferienwoche gefallen, wobei wir, sozusagen aus Trotz, gleich für 2021 reserviert haben! Es gibt bereits Überlegungen in der ersten Sommerferienwoche ein buntes Ersatzferienangebot, sozusagen Sylt in St. Georg, anzubieten, aber warten wir erstmal die allgemeinen Entwicklungen ab und drücken uns die Daumen!

    Euch alles Gute und bleibt gesund,

    Liebe Grüße, Tilman aus dem SCHORSCH

  49. 25.3. (4)
    Liebes Tagebuch,
    als ich heute Morgen beim Zähneputzen in den Spiegel schaute fiel mir ein, dass es knapp 2 Wochen her ist, dass ich mich mit meinen Freundinnen über folgende Frage austauschte: „Wie rette ich meine Frisur über die Krise?“ Ob Du’s glaubst oder nicht, ausnahmslos ALLE, auch die im Ausland, machten sich deswegen Sorgen, und zwar wahlweise um Schnitt, Farbe oder Dauerwelle. Ich selbst zögerte lange, bevor ich dann doch noch schnell zu einem Friseur in der Langen Reihe lief. Mit wackeligen Knien, weil ich mir nicht im Klaren darüber war, wie riskant das mittlerweile sei – aber mit dem stummen Schlachtruf „Wohlfrisiert durch die Pandemie!“
    Ist das wirklich erst so kurz her? Es scheint in einer anderen Zeit gewesen zu sein und liegt doch nur vierzehn Tage zurück. Jeder Moment war seitdem vollgestopft mit neuen Nachrichten, neuen Gefühlen, neuen Gewissheiten. Zuerst: „Das ist hier doch alles Panikmache! Da haben die Medien endlich mal wieder ihren großen Auftritt, ha! Und morgen wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben.“ Dann: „Die Politik, alles Weicheier, trauen sich keine handfesten Entscheidungen zu, da muss doch jetzt hart durchgegriffen werden!“ Wenig später: „Ach ja, es gibt ja noch diese Grundrechte, die stehen in der Verfassung und schützen vor staatlicher Willkür. Sollen die jetzt so mir nichts dir nichts außer Kraft gesetzt werden?“ Während sich die Außenwelt in Richtung Stillstand bewegte, wechselte in der Innenwelt in rasender Geschwindigkeit das Gefühle von Sorge zu Zuversicht, von Angst zu schlichter Langeweile – und zurück. Gedanken, die sich normalerweise hübsch langsam nacheinander entwickeln, rasten in kürzestem Abstand durch Kopf, Bauch und Herz. Liebes Tagebuch, ist das der Grund, dass mir die vergangene Woche vorkommt, als liege sie schon Jahre zurück? Was ist das bloß für ein merkwürdiges Ding, die Zeit? Seit Einstein wissen wir, alles ist relativ. Aber wie funktioniert das? Gestern Nacht hatte ich einen Traum. Ein Blatt und eine Raupe. Das Blatt war die Zeit, auf der sich die Raupe ihren Weg bahnte. Fest auf die Vorderbeinchen gestützt, hüpfte sie mit ihrem Hinterteil hinterher und bildete eine Brücke. So übersprang sie einzelne Zeitabschnitte, und ich dachte im Traum: Aha, so geht das also mit der Zeitverkürzung! Irgendwann wird sich Fräulein Raupe vermutlich ermattet ausstrecken, und dann deeehnt sich die Zeit bis neue Ereignisse sie wieder in Marsch setzen.
    Jetzt bin ich wach und frage mich: Hat eine Raupe überhaupt Beine? Und wenn ja, wieviele?

  50. Was man sonst noch so in Zeiten von Corona machen kann…

    Ich habe gerade über ein Spiel gelesen, das Spaß machen könnte und das Familien empfohlen wird, wenn die Kinder mal nicht mehr an der Spielekonsole sitzen sollten und auch sonst sich ruhig mit etwas Kommunikativerem beschäftigen könnten:
     
    Man schlägt ein Buch auf (kann man ja übrigens jetzt auch per mail bei Wohlers bestellen, es wird dann per Post geschickt! buchhandlung@dr-wohlers.de), man schlägt also ein Buch auf und tippt auf einen Satz. Dieser Satz wird aufgeschrieben und jede/r schreibt dazu eine eigene Geschichte weiter, die mit diesem Satz beginnt. Nicht länger als eine Seite. Die Geschichten liest man sich dann gegenseitig vor und erbaut sich an der Kreativität und Phantasie der anderen.

    Das kann man ja auch online mit Leuten machen, die Spaß am Geschichtenerzählen haben…

  51. *danke*

    ich möchte an dieser Stelle mal DANKE sagen…
    danke an Michael für die vielen detaillierten Infos — mir hift es zum besseren Verstehen.
    danke an Gabriele für die vielen schönen
    Beschreibungen ihrer Ausflüge und Eindrücke.
    danke an die Leute, die in ihren ‚kämmerchen‘ irgendwas basteln (wie z. b. Mundschutz ect) um weiter zu helfen.
    danke an all, die Initiative zeigen und etwas
    in Gang setzen… hotline‘ ect.
    die Liste lässt sich sicher noch fortsetzen,
    das aber würde hier den Rahmen sprengen !
    viele vielen Dank an alle — ihr seid spitze ❣️
    passt gut auf euch auf und bleibt gesund…
    glg monika

  52. Bei Edeka ist die Belegschaft wirklich ziemlich flapsig im Umgang mit den Kund*Innen. Ich kaufe auch normalerweise nicht da ein, aber gestern war ich in der Nähe, und hab etwas besorgt, das es bei Penny nicht mehr gibt, und beim Bezahlen fiel mir nicht gleich auf, dass die vor der Kasse Abstände von 1,50 m mit mehreren Klebebändern auf dem Boden markiert haben. Ohne irgendeinen Hinweis. Weil ich offenbar etwas jenseits der Markierung gestanden habe, flapst mich die Kassiererin an: „Zurücktreten der Herr da vorne!“ – Das ist bei Penny besser gelöst: die haben etwas weiter vor den Kassen ein Flipboard aufgestellt, mit dem deutlichen Hinweis: „Nicht vergessen: Bitte Abstand halten!“

  53. Liebe Nachbarinnen und Nachbarn,
    ich habe einen Kommentar abgegeben zum Ausschluss von Eltern mit Kind im Edekamarkt an der Langen Reihe. Dazu möchte ich einen Satz korrigieren, durch zwei Worte ergänzen. Es soll heißen :
    Gestern habe ich von zwei Müttern erfahren, dass Eltern mit Kind im Edekaladen an der Langen Reihe der Einkauf von der Marktleitung untersagt wurde und weiter untersagt wird.
    Herzliche Grüße, Ursula

  54. Liebe Monika,
    ich beziehe mich auf Deine beiden Kommentare von heute. Zuerst der Tipp mit dem Psychologen-Telefon für psychsisch Kranke, die jetzt besonders unter der Isolation zu leiden haben. Danke dafür! Eine meiner besten Freundinnen ist betroffen, und ich habe ihr die Nummer gleich weiter gereicht. Zum anderen: bei sorgenvollen Gedanken und Grübeleien tut es nach meiner Erfahrung gut, sich nach draußen zu bewegen – so es denn möglich ist. Heute habe ich mich auf den geplanten Grünzug vom Lohmühlenpark nach Entenwerder begeben. (Micha erwähnte das kurz in seinem gestrigen Kommentar von 13.29 Uhr.) Das ist mal was anderes als Alster und Eilenau und von St. Georg aus ganz gut zu erreichen, wenn man einigermaßen fit ist. Geradezu ein Geheimtip. Der Weg führt direkt an Herrn Teheranis Berliner Bogen links entlang bis es nicht mehr weiter geht, dann ein paar Schritte links, über eine kleine Brücke und zwischen 2 Tennisplätzen hindurch, ein bisschen rechts und schließlich über die Wendenstraße am Betriebssport-Gebäude entlang. Klingt komplizierter als es ist. Das hat so seinen ganz eigenen Charme, und man kann ja jederzeit wieder umkehren, wenn’s genug ist.
    Beste Grüße! Gabriele

  55. Liebe Nachbarinnen und Nachbarn, uns wird viel abverlangt in dieser komplex schwierigen Lage. Alle sind betroffen und viele bieten ihre Unterstützung an. Das Wort Solidarität, seit langem war es für viele ein Unwort aus der sogenannten linken Ecke, erlebt eine neue Blütezeit. Dass Solidarität wichtig ist in einer demokratischen Gesellschaft, sollten wir auch nach Corona erinnern.
    Von Gabriele fand ich die Anregung, die Magnolie Blüte nicht zu verpassen, sehr schön. Die Augen offen halten für die schönen Bilder in der Natur und zwischen Menschen, die sich aus der Distanz zulächeln, Kindern, die mit Laufrädern unterwegs sind…..
    Auf das Thema Kinder und in diesem Zusammenhang auf eine besondere Problematik in unsem schönen Stadtteil möchte ich hier aufmerksam machen :
    Die Kinder und ihre Eltern sind leider in einer besonders belasteten Situation. Die Kitas sind zu, die 24 Stunden Betreuung ist eine Herausforderung, die alle Eltern schwer trifft. Alleinerziehende sind nochmal mehr betroffen.
    Gestern habe ich von zwei Müttern erfahren, dass Eltern mit Kind im Edekaladen an der Langen Reihe das Einkaufen von der Marktleitung untersagt wurde und weiter untersagt wird. Ich habe mich gestern beim PK 11 erkundigt, ob der Edekamarkt Personengruppen ausschließen darf. Die freundliche PK 11 Kollegin hat sich sehr zügig darum gekümmert und mich zurückgerufen. Sie bedauerte, dass die Polizei nichts für die Eltern machen könne, da Edeka das Hausrecht habe und diese Diskriminierung von bestimmten Menschen frei entscheiden dürfe. Hier ein Dank an die freundliche Kollegin vom PK11.
    Ich finde das unglaublich und würde mir wünschen, dass solidarische Kundinnen und Kunden Edeka mit den Füßen die rote Karte zeigen und dort nicht mehr einkaufen gehen.
    Ich wünsche mir Solidarität mit den Kindern und ihren Eltern.
    Ich bin froh, dass es diese Forum gibt und danke dem Einwohnerverein für diese Plattform.
    Zusammenhalt stärkt unsere Psyche.
    Herzliche Grüße an alle solidarischen Menschen, Ursula

  56. … Corona hat leider nicht nur körperliche Auswirkungen. Durch die Zwangsisolierung
    sind auch ganz besonders – oft vergessen – psychisch kranke Mitmenschen in Mitleidenschaft gezogen.
    Ich habe auf ZEIT. DE einen interessanten Artikel gelesen, der hilfreich sein kann.
    Es wurde eine kostenfreie Hotline eingerichtet, in der Psychologen*innen Hilfe anbieten : +49(0)800 000 95 54
    HelloBetter ➡️ Beratung bei psychischen Belastungen in der Corona-Krisensituation.
    ich hoffe, dass Betroffene dieses Hilfsangebot in Anspruch nehmen. Zusätzlich :
    Facebook. com/HelloBetterHealth
    oder Email direkt an
    qa@hellobetter.de – Betr. „live Sprechstunde“
    wünsche alles Gute… und tapfer bleiben!
    glg monika

  57. Hallo ihr lieben,
    die steigenden Zahlen der neu infizierten hat mich betroffen gemacht. Nun haben wir schon fast 1000 in Hamburg. Ich frage mich, welche Altersgruppe hat sich vornehmlich infiziert und wie lange wird es dauern, bis sie Maßnahmen greifen. Laut Milchmädchenrechnung — wenn man den Vorlauf der freiwilligen Isolation in der letzten Woche mal außen vor lässt — wäre ja dann :
    14 Tage Inkubationszeit, plus einen gewissen Erholungszeitraum = würde bedeuten, dass spätestens Mitte April die Zahl der Infizierten zu Stillstand kommen muss…?!?… vorausgesetzt, die Menschen halten sich an die Regeln. Gibt es doch einen Lichtblick am Horizont…?… vorausgesetzt die ganzen Maß-Regeln greifen (!)… was… wenn… nicht…?

  58. 23.3. (3)
    Liebes Tagebuch,
    Post von K. ein paar Straßen weiter. Sie schreibt: „Diese Krise ist offenbar doch anstrengender für die Psyche als ich mir eingestehen möchte.“ Die quirlige K! Immer unterwegs in Sachen Ehrenamt, Reisen, Kultur, Kunst… Jetzt fühle sie sich erschöpft, schreibt sie, obwohl sie doch weniger tue als vorher. Ich kann’s verstehen. Das Tempo innerhalb weniger Tage von hundert auf null zu schrauben ist echter Stress. Da haben solche Couch-Potatoes wie ich es besser. Ich brauche jetzt nicht einmal mehr eine Ausrede, wenn ich mich nicht vom Sessel erhebe. Merkt ja keiner. Ideal ist das aber auch nicht. Liebes St. Georg, Du hast mich bisher gut in Schwung gehalten, das sei Dir an dieser Stelle einmal ausdrücklich gedankt. Immer gab es irgendeinen Termin, eine Veranstaltung, die ich nicht versäumen wollte, eine Besprechung, eine Verabredung, für die ich mir die Wimpern getuscht habe. Jetzt wäre es ein Leichtes, zu verlottern.
    Warum ist es in der Wohnung eigentlich so still? Ich hab‘s: die Telefonanrufe mit diesen verdächtig langen Nummern auf dem Display haben aufgehört. Von einem Tag auf den anderen! Die, bei denen Menschen am anderen Ende in gebrochenem Deutsch dazu auffordern, die PIN des Kontos zu nennen, damit sie einem eine Million überweisen können. Aufgehört von einem Tag auf den anderen! Hey, Ihr Cyber-Gangster, was ist da los? Sind Eure Algorithmen von einem Virus befallen? (Kleines Wortspiel!) Es kann doch nicht sein, dass Ihr plötzlich moralische Bedenken habt, arme ahnungslose Rentnerinnen über den Tisch zu ziehen!
    Diese Stille ist ja nicht auszuhalten. Bloß raus hier. Rasch in ein sportliches Gewand geworfen und ab auf die Straße. Es ist Frühling! Die Magnolie im Graumannsweg hatte gestern schon ganz dicke Knospen. Vielleicht gehen sie heute auf. Das will ich auf keinen Fall versäumen.

  59. Leute, bestellt und kauft Bücher weiter bei der Buchhandlung Wohlers in der Langen Reihe 38 – und eben nicht bei Amazon (die stellen gerade Personal ein…)!!!
    Ab sofort können Bücher in unserer Buchhandlung unter Tel. 040/24 77 15 oder via Email an dr.r.wohlers@t-online.de bestellt und am nächsten Tag abgeholt werden – dann halt durch die Tür. Die Abholzeiten sind bis auf Weiteres montags bis samstags (!) täglich von 13.00 bis 17.30 Uhr, wie mir gerade von Jürgen Wohlers bestätigt wurde.
    Retten wir die Buchhandlung und erhalten den KollegInnen die Arbeitsplätze!
    Wie können wir anderen Läden und Einrichtungen helfen?
    Micha

  60. Ich bin ganz glücklich, dass diese ganze miese Situation nicht auch noch im Regen und dauerbewölkt ertragen werden muss, sondern die Sonne einen – wenn auch noch nicht recht erwärmt, so doch – erfreut und erheitert.
    Auch für mich heißt es, das Leben nahezu komplett umzustellen: Sämtliche Job-, Sitzungs- und Veranstaltungstermine sind weggebrochen, Diskussion und Mitgestaltung von Beteiligung sind live nicht mehr möglich, Homeoffice ist angesagt, im Job müssen ganz andere Akzente gesetzt oder vielleicht auch erst einmal neue Themen gefunden werden. Ein großes Mitgefühl habe ich in diesen Tagen nicht nur mit den Menschen, die unser (in den letzten Jahren weitgehend privatisiertes und ausgedünntes) Gesundheitssystem schultern und die Lebensmittelversorgung garantieren, sondern auch mit denen, die jetzt schließen mussten, und denen auf Dauer Insolvenz bzw. Arbeitslosigkeit drohen: Lisa und Günter vom Polittbüro, Jürgen von der Buchhandlung, den Kolleginnen der LAB usw.
    Zu den Veränderungen, die ich am nachhaltigsten, gehören diese Punkte:
    * Das tägliche Essen gewinnt irgendwie an Bedeutung, auch wegen des nötigen Einkaufs, vor allem aber, weil ich mich schon morgens darauf freue, was wir abends zu essen machen. Das hat was Tröstliches, Festes.
    * Ganz neu sind für B. und mich die täglichen, rund anderthalbstündigen Spaziergänge, die uns schon zur Kuhmühle (ja, liebe Gabriele, schön, nech?!), zu Planten&Bloomen, ins neue, kastenförmig gebaute Sonnin-Quartier, in die noch im Bau befindliche, beeindruckende südliche HafenCity und heute durch das reiche Einzelhaus-dominierte Harvestehude geführt haben. 10.000 bis 12.000 Schritte in den frühen Morgenstunden, mit der Sonne im Gesicht, und immer was Neues entdeckt: wunderbar. Morgen geht’s nach Hamm und demnächst durch den neuen Grünzug nach Entenwerder… Schön ist es, einen bestimmten Ort als Höhepunkt anzuvisieren und zum Ende hin die Brötchen zu kaufen, wichtig, sich vorher genau zu überlegen, wo es ein Klo gibt. By the way, abgesehen von der Außenalster ist überall fast überhaupt nichts los, was mir seltsam vorkommt.
    * Dabei an ganzen Zeilen geschlossener Läden vorbeizugehen macht traurig. Und lässt mich eine massive Rezession am Horizont befürchten. Immerhin, die irrige Ideologie, „Shoppen ist Leben“ (irgend so einen Spruch sah ich kürzlich noch im EKZ Hamburger Straße), die kommt im Moment weitgehend zum Erliegen. Auch die KreuzfahrerInnen auf dem Hachmannplatz, und überhaupt die ganzen Tourimassen. Nicht schade drum.
    * Ich habe mir ein Schock Bücher hingelegt, lese meine Zeitungen rauf und runter und erfreue mich nicht zuletzt an der MOPO (die seit heute 1,30 Euro kostet), weil sie neuerdings an jedem Tag mehrere Seite Rätsel aller Art präsentiert.
    * Gedanken mache ich mir um diejenigen, die sich sonst permanent auf der Straße aufhalten und denen nach und nach die Einrichtungen wegbrechen (das KIDS hat schon geschlossen, Bordellbetrieb ist untersagt, beim Drob Inn weiß ich nicht, wie es weitergeht, die Suppenküche der Gemeinde musste auf etliche Ehrenamtliche verzichten usw.). Ich teile da die Sorgen von Michael. Wo bleiben die Menschen in diesen – teilweise saukalten – Tagen und vor allem Nächten?
    * Und wie lange währt das alles? Sechs Wochen? Bis August 2020? Zwei Jahre? Mannomann.

  61. Inspiriert von Gabrieles Tagebuch hier mal eine etwas andere Notiz zum Thema Nachbarschafts-Einkaufshilfe: Mein Mitbewohner P., Mitte 30, der schon seit über 10 Jahren bei uns wohnt, reduziert seine sozialen Kontakte schon immer auf ein absolutes Minimum. Er hat praktisch keine. Seit ca. einem halben Jahr hat ihn das Jobcenter zu einer Weiterbildung in Sachen Webdesign verdonnert, die er auch fleißig wahrgenommen hat – bis letzte Woche die Schule geschlossen wurde, und nur noch Homeoffice angesagt ist. Er verlässt nur selten die Wohnung, und am Samstag erwische ich ihn auf dem Flur auf dem Weg nach draußen, und frage ihn, ob er einkaufen geht. Auch ich gehöre mit 66 zur Risikogruppe, Lungeninsuffizienz, Raucher… Darauf folgender Dialog:

    Er: „Ja!“ Ich:“Kannst du mir vielleicht 2 Flaschen Wein mitbringen?“ – „Nö, ich kauf keinen Alkohol!“ – „Wieso, du wirst doch nicht verhaftet, weil du 2 Flaschen Wein kaufst.“ – „Nö, aber ich hab schon mal den falschen mitgebracht.“ – „Ich hab ne leere Flasche, die zeig ich dir. Mit den 3 Stieren auf dem Etikett, gibt’s bei Penny.“ – „Reicht auch eine?“ – „Ja ok, eine reicht auch.“ – „Ich garantiere für nichts.“ – „Ok, ich brauch‘ auch noch 6 Eier und einen Becher Mascarpone.“ – „Was? Was ist das denn?“ – „Gibt’s im Kühlregal, italienische Quarkcreme.“ „Na gut, aber ich garantiere für nix!“ Ich drücke ihm einen Zehner in die Hand.

    Halbe Stunde später ist er wieder da, hat den richtigen Wein dabei, sogar 2 Flaschen, Mascarpone und 10 Bio-Eier – alles prima. Und ich kann mir mein geliebtes Tiramisu machen, denn ich habe gern was Leckeres im Kühlschrank, ganz besonders in diesen Zeiten. Wechselgeld hat er nicht rausgerückt, macht aber nix, das kommt auch ungefähr hin.

  62. Moin,
    ich höre und lese über Verbote von Ansammlungen von Menschen
    über 3, über 5 über 6 Personen (Text von Samstag!) Und ich sehe freundliche Polizisten an Alster und Elbe Kleingruppen ermahnen, einen Mindestabstand
    einzuhalten (im TV). – Ungeachtet dessen ballt sich zwei Minuten vom Hbf vor dem Drop Inn täglich außer sonntags eine Menge von zwei bis dreihundert Drogen-
    abhängigen vor dem Drop Inn, liegt sich in den Armen, lässt Pfeifen kursieren oder auch Drogenkapseln im Mund kaschieren und von dort aus weiterreichen, amüsiert sich über die Distanzregeln, ist nicht mehr in der Lage, den Ernst – auch der eigenen – zu begreifen.
    Ins Drop-Inn-Café werden nur begrenzte Mengen hineingelassen, jedoch mehr als in jedes normale Café (das jetzt schon geschlossen haben muss). Für die Beschäftigten gibt es Schutzausrüstung, die aber nur im Ernstfall benutzt werden soll – als gäbe es diesen nicht längst, als wären nicht gerade die drogenabhängigen z.T. auch obdachlosen, psychisch und physisch stark angegriffenen Menschen eine extreme gefährdete und zugleich extrem gefährdende Gruppe. Kein Wort in den Medien, keines von der Politik dazu… ich habe keine Lösung, bin Laie, Bürger, möchte darauf hinweisen, dass es hier ein ernsthaftes Problem gibt. Und ich möchte, dass mir der Verdacht genommen wird, es könnten doch einige (Menschen, Parteien, Behörden,
    Politiker…) diese Krise als willkommene „Katharsis“ verstehen, in der eben die Schwachen dran glauben müssen, was uns dann hinterher das Leben erleichtern könnte.
    Michael Schulzebeer
    (Text von Samstag, ich schau mir das Montag noch mal an…)

  63. 22.3. (2)
    Liebes Tagebuch,
    Heute Nachmittag habe ich tollkühn die Grenze von St. Georg überschritten und einen Spaziergang am Eilbek-Kanal unternommen. Die Alster kam für mich bei dem schönen Wetter nicht in Frage, zu viele Leute auf zu wenig Raum. Am Kanal ist weniger los, dachte ich, weniger Möglichkeiten, sich anzustecken. Dabei habe ich eine ganz neue Seite an mir entdeckt. Und nicht die beste. Jeder Mensch, der mit entgegen kam, bedeutete potenzielle Gefahr und brachte mich in Rage. Ein böser Feind! Solche Gefühle hatte ich in coronafreien Zeiten noch nicht einmal im Lohmühlenpark in finsterer Nacht! Wann immer jemand auf dem Spazierweg nicht schon bei 50 Metern Entfernung deutliche Anzeichen machte, mir in einem Bogen ausweichen zu wollen, nahm ich vorsorglich Kurs auf die Fahrbahn, wütend wegen seiner Rücksichtslosigkeit. Und wenn er an mir vorbei ging, habe ich ihn mit bitterbösen Blicken bestraft. Nicht schön.
    Wenn ich nicht gerade damit beschäftigt war zu hassen, war der Kopf frei für andere Dinge. Wirklich schöne Gegend hier am Kanal, alles so hübsch, sauber und geordnet. Was ist in diesem Moment wohl auf dem Hansaplatz los? Wie mag es den Geflüchteten ergehen, jetzt, da sie nicht mehr in Gruppen zusammenkommen dürfen? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Corona sie nicht nur erwischt sondern deutlich kränker macht als mich, die ich nicht ihrem ganzen Stress ausgesetzt bin? Vor einigen Jahren gab’s diese Statistik, dass die Lebenserwartung in Billstedt 10 Jahre geringer ist als in den wohlhabenden Stadtteilen. 10 Jahre! Ob die Medizinsoziologen wohl eines Tages untersuchen, welche Klassenunterschiede dieses Virus macht?

  64. Krankenpflegerin kann von Applaus und Lob endlich ihre Rechnungen bezahlen

    Berlin (dpo) – Schön für sie! Mitten in der Coronakrise kann Krankenpflegerin Anja Dahlinghaus von all dem Applaus und Zuspruch, den sie und ihre Kollegen in den letzten Tagen erhalten haben, endlich ihre Rechnungen bezahlen. Nahezu täglich gibt es Loblieder auf ihren Berufsstand aus dem Mund irgendwelcher Politiker.
    „Klasse! Ich geb einfach meinem Vermieter zwei Lobs, einen dicken Applaus und ein Danke, das ich bekommen habe, und schon sind drei Monate im Voraus gezahlt“, freut sich die 23-Jährige, die mit ihrem knappen Gehalt sonst kaum über die Runden kommt.
    Außerdem kann sie nun endlich mehrere lange aufgeschobene Anschaffungen wie einen neuen Kühlschrank und eine neue Waschmaschine direkt bar mit einem aufrichtigen Dankeschön der Bundeskanzlerin durchführen…
    Quelle: Der Postillon

  65. Eine Idee von ’nebenan. de‘ :
    eine online-fotogalerie… wenn ihr unterwegs seid, haltet euren Eindruck fest.

  66. Statt mich über den wunderbaren Sonnenschein und das herrliche Wetter zu freuen, macht es mich fast traurig… wie sehr vermisse ich es, mit Leuten zu quatschen, zu lachen und sich auszutauschen. Laut aktueller Meldung soll das mindestens noch 4-6 Wochen anhalten… wie furchtbar…! Ich finde ja auch, dass man die Testauflagen erweitern muss! Man sollte auch ohne Symptome erfahren, ob man infiziert ist.Aber wenn uns die Ausgangsperre erreicht, ist das wohl auch hinfällig…?!? LG monika

  67. Klasse, die Idee von Dir, Gabriele. Mich würde ja auch interessieren, wie es anderen St. GeorgerInnen so geht, jüngeren, in den Heimen, mit Kindern, am Steindamm, mit türkischem Hintergrund, alleine Lebenden, mit Hunden, in Quarantäne, in der Arztpraxis… Schön fände ich auch kurze Berichte wie z.B. vom Hansaplatz, wo es gestern um 21 Uhr mit dem Klatschen für die Krankenhaus-und Ladenbeschäftigten so gut geklappt haben soll…An Aufmunterern und Mutmachendem könnte ich in nächster Zeit sicher immer mal was brauchen.
    Micha, wohl letztmalig noch unterwegs

  68. Liebe Nachbarinnen und Nachbarn,
    ich bin hier – wie wir alle – in meinen 4 Wänden ein bisschen auf mich selbst zurück geworfen und habe deshalb beschlossen, Tagebuch zu führen. Ein Tagebuch ist ja etwas zutiefst Persönliches, ein Dialog mit sich selbst, der üblicherweise nicht für fremde Augen bestimmt ist. Aber in unserer speziellen Corona-Situation treiben uns ja vergleichbare Erlebnisse, Gedanken, Ängste und Wünsche um, warum also nicht ausnahmsweise auch mal ein persönliches Tagebuch teilen?
    Achtung, jetzt geht’s los.
    Freitag, 20. 3.
    Liebes Tagebuch,
    Heute Vormittag habe ich mich überwunden und die Einkaufs-Angebote angenommen, die mir in unserem Wohnprojekt unterbreitet worden sind. In den Massenmedien und auch in meiner Selbstwahrnehmung gehörte ich mit meinen 73 Jahren ja bis jetzt zur Gruppe der flotten Best Ager. Plötzlich, quasi von einem Tag auf den anderen, bin ich Risikogruppe, eine gefährdete Alte! Das muss der Mensch erstmal verkraften! Egal. Ich habe mir also einen Stoß gegeben und die Aufträge auf mehrere Schultern verteilt. Die 14jährige Tochter der Familie unter mir fragte ich, ob sie mir eine bestimmte Sorte Bonbons mitbringen könne. Sie wusste sofort, welche ich meine, sagte fachmännisch: „Gute Wahl!“ – und brachte gleich eine Großpackung mit. Bei der Übergabe wollte ich die Geldsumme aufrunden, aber sie bestand darauf, mir das Wechselgeld ‘rauszugeben. Eine sehr krumme Zahl. Ich warf ihr die Münzen (Stichwort Abstand!) zu, die kullerten über den Flur, und sie warf mir einige davon wieder zurück, weil ich mich verrechnet hatte. So ging das eine Weile hin und her. Das lässt sich sicherlich noch perfektionieren, aber es war ein schönes Spiel und machte gute Laune. Von der Nachbarin schräg gegenüber fand ich auf meine Bitte nach etwas Frischem eine liebevoll ausgesuchte Mischung von Tomaten, Orangen und Möhren vor die Tür, garniert von 2 Rollen Clopapier. Was für gute Erfahrungen!

  69. Was macht es mit uns, wenn mindestens in den kommenden sechs Wochen dutzende Geschäfte und Einrichtungen schließen? Was macht es mit den dort arbeitenden Menschen? Was macht es im Hinblick auf die massive Einschränkung der Kommunikation? Was macht es mit einem ansonsten höchst quirligen Stadtteil?

    1. @ Micha Joho: Tja, was macht das mit uns? Ich würde lieber erst in ca. 4 Wochen darauf antworten, wenn es denn tatsächlich so lange andauert. – Vorläufig macht es mir noch kein Kopfzerbrechen, bin eh noch weitgehend im Wintermodus. Ich finde es (noch) nicht so furchtbar schlimm, mal für eine Weile zuhause zu bleiben. Man kann in Ruhe lesen, sich im Netz umschauen, Internetseiten bauen, fernsehen usw. In punkto Kommunikation gibt es ja zum Glück jede Menge Alternativen. Klar, die Menschen, die vom Publikumsbesuch abhängig sind, Gastronomie, Theater, Kinos etc. haben natürlich materielle Probleme, und es wäre wünschenswert, die von staatlicher Seite weitesgehend abzufedern. Es gibt bereits eine Petition für ein sofortiges, 6-monatiges Grundeinkommen: http://chng.it/G482B2WRTn – Jedenfalls mache ich keine Hamsterkäufe, solange uns versichert wird, dass man selbst bei verschärften Ausgehbeschränkungen noch einkaufen gehen kann. Vor allem: KEINE PANIK!

  70. Wir alle werden durch die Arbeit von Michael und ‚Aktive‘ sehr gut mit Informationen
    versorgt. An dieser Stelle, nochmals vielen Dank! Habe auch einen Artikel erhalten, der
    sehr interessant (inkl. Links!) und infirmativ
    ist… Corona mal statistisch betrachtet.
    https://ortmann-statistik.de/corona-ist-hier-was-wir-jetzt-tun-muessen/
    wollte ich gerne mit euch teilen!
    Inas Link’s (danke dafür) geben tolle Anregungen für weitere Möglichkeiten….
    bin der „Corona-Gruppe“ – Facebook
    beigetreten. Bleibt alle gesund — passt auf euch auf… glg monika

  71. Danke Ina für die vielen nützlichen Links. Kann gut sein, dass wir die alle noch gut gebrauchen können.

  72. Wer Hilfe leisten möchte, findet hier gute Gruppen und Kontakte unterschiedlicher Art:

    Die Soli-Seite der St. Georg-Corona-Hilfe auf Telegram gibt es hier:
    https://listling.org/lists/pwfjfkpjmesjjinm/solidarische-Nachbarschaftshilfe

    Es gibt auf Facebook eine Hamburg-weite Hilfsseite unter: https://www.facebook.com/groups/CoronahilfeHamburg/

    und hier noch ne gute Internetseite für deutschlandweite Hilfsdienste: https://www.quarantaenehelden.org

    und den Aufruf der Diakonie Hamburg:
    https://www.diakonie-hamburg.de/de/presse/pressemitteilungen/Corona-Hilfe-Freiwillige-koennen-sich-bei-der-Diakonie-Hamburg-registrieren

    Die Suppenküche der St. Georg Kirchengemeinde sucht auch nach Helfern. Sie verteilen Essen im Freien an die Bedürftigen.

    Zwischenstopp Straße sucht auch nach Hilfe in finanzieller Form: https://www.facebook.com/100529300415940/posts/228921050910097/

    Ansonsten ist natürlich auch gut was auf nebenan.de los. Wer angemeldet ist, findet auch dort Möglichkeiten der Kontaktaufnahme.

    Hinz&Kunzt wurde von mir angefragt, aber sie haben keine konkreten Ideen wie wir als EV helfen könnten. Sie sind zu sehr mit Krisenmanagement beschäftigt. Ggf. melden sie sich bei uns, wenn wir unterstützen können.
    Wer an obdachlose Menschen in Hamburg direkt spenden möchte, kann das hier tun:
    https://www.betterplace.org/de/projects/77958

    Herzliche Grüße
    Ina

  73. *ZUSAMMENHALTEN*‼️

    Lasst uns mit einer Geste zusammenhalten und unseren Ärztinnen/Ärzten, Sanitäterinnen/Sanitätern, Krankenpflegerinnen/Krankenpflegern und all den Heldinnen/Helden, die gerade jetzt für unsere Gesundheit und für unsere Sicherheit sorgen, jeden Abend um 21:00 Uhr mit einem *Applaus* nach spanischem Vorbild danken.

    Bleibt gesund und FLATTEN THE CURVE
    Gina

  74. Liebe EV-Aktive,
    um überhaupt was auf die Beine zu stellen, bräuchte man eine Kontakt-Telefon-Nr
    die abwechselnd besetzt wird, wo die Nachbarn ihre Bedürfnisse äußern können,
    wie z. B. Einkaufen, Botengänge (Apotheke oder Post wegbringen), Gassi-gehen oder aber Telefonate verabreden – zu quatschen –
    gegen die Einsamkeit.
    ich denke auch, dass kleine out-door-gruppen
    zusammentreffen können… mit Einhaltung
    der Maßregeln! Mit Flyer’s kann man das dann bekannt geben.
    nur mal so’ne Idee. glg… bleibt gesund
    monika

  75. St. Georg, den 19.3.2020
    Liebe St. Georgerinnen und St. Georger,
    es ist erst wenige Tage her, da bummelten wir noch sorglos über die Lange Reihe oder den Steindamm, kehrten abends in einer Kneipe auf dem Hansaplatz ein oder besuchten eine der Kultureinrichtungen. Das Coronavirus hat dem in einem schier unglaublichen Tempo weitgehend ein Ende gemacht, viele Einrichtungen sind bereits geschlossen. Und wir sind offensichtlich erst am Anfang einer sich wochen-, gar monatelang hinziehenden Pandemie. Schon wird uns empfohlen, die sozialen Kontakte auf ein Minimum zu beschränken, möglichst zuhause zu bleiben. Nicht mehr auszuschließen sind auch Ausgangssperren. Entwicklungen, die sich schnell zu persönlichen Dramen verdichten können: Pleiten, Entlassungen, Schuldenbergen, Vereinsamung…
    Dem wollen wir uns entgegenstemmen. Zunächst einmal mit diesem Angebot, sich auf der Website des Einwohnervereins auszutauschen, Sorgen zu äußern, wichtige, vor allem stadtteilbezogene Informationen weiterzugeben, miteinander wenigstens in schriftlicher Form zu diskutieren. Möglicherweise kann sich das Angebot auch dahingehend ausweiten, Bedarfe, aber auch Hilfsangebote zu formulieren. Durchbrechen wir die immer mehr um sich greifende Angst und Vereinzelung, nutzen wir auch diese Möglichkeit, einander zu schreiben, die Entwicklungen zu bewerten und im Einzelfall – wie schon nebenan.de und die Solidarische Nachbarschaftshilfe St. Georg – gegenseitige Unterstützung zu organisieren. Tragen wir uns ein, kommentieren Beiträge, machen Vorschläge.
    Michael Joho, für den Einwohnerverein St. Georg von 1987 e.V.

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